Cloudifizierung – Untersuchung eines IT Hypes

Lange habe ich mich mit diesem Thema schwer getan, da hier nicht nur private Erfahrungen einfließen, sondern auch berufliche. Auf einem privaten Blog möchte ich eigentlich nur ĂŒber private Interessensgebiete des Digitalen Lebens schreiben, aber hier ist ein Bereich, der privates und berufliches einschließt. Ich will versuchen die Inhalte einfach zu halten und werde nicht allzusehr ins Detail eingehen.

Cloudification/Cloudfizierung, oder wie bringe ich meine Old/Legacy IT in die Cloud, ist eines der Trendthemen der letzten 5-10 Jahre in der IT-Branche. Immer wieder werden von Marktbeobachtern, wie z.B. Gartner, Trendanalysen herausgebracht, welche Themen in den nĂ€chsten Jahren heiß sind oder werden. Auch solche Themen und Buzz Words unterliegen einem Lebenszyklus. Gartner nennt solche Lebenszyklus-Diagramme Hype Cycle. Eben noch gehyped, sind sie in kĂŒrzester Zeit wieder auf dem absteigenden Ast, völlig vergessen, oder bestenfalls zum Allgemeingut geworden. Als Beispiel hier ein Gartner-Hypecycle aus dem Jahr 2018 zum Thema Cloud Computing.

Gartner Hypecycle fĂŒr Cloud Computing 2018 (Quelle: Gartner)

FrĂŒher sprach man noch nicht von der Cloud, wenn man seine eigenen IT-Services zentralisierte oder auslagerte. FrĂŒher wurde es IT Outsourcing (ITO) genannt, wenn man IT Infrastruktur von einem Dienstleister betreiben ließ, entweder noch in den eigenen Rechenzentren, oder bei dem Dienstleister. Auch GeschĂ€ftsprozesse kann man outsourcen und nennt es Business Process Outsourcing (BPO).

Motivation dahinter waren natĂŒrlich immer

  • Kosteneinsparungen,
  • KostenstrukturĂ€nderungen von CapEx zu OpEx,
  • man möchte nur fĂŒr das bezahlen, was wirklich genutzt wird,
  • Auslagern von Nicht-Kernkompetenzen an Spezialisten wie IT Dienstleister,
  • agileres Vorgehen auch im Sinne von DevOps, um Software-Entwicklungen schneller in die Produktion zu bringen.

Cloudification ist vor allem getrieben worden durch mobiles Arbeiten. Sicherer Zugriff auf Firmenressourcen auch von mobilen Devices außerhalb des eigenen Firmennetzwerks sollte ermöglicht werden. Und zusĂ€tzlich sollten alle möglichen „as-a-service„-Modelle in die IT Strategie eingebaut werden. Außerdem steckt natĂŒrlich auch die Hoffnung dahinter, daß immer mehr Services standardisiert und deshalb eingekauft werden können und nicht selbst aufgebaut und weiterentwickelt werden mĂŒssen. Auch Compliance- und Security-Anforderungen fordern die Kunden immer mehr und sollen an die Dienstleister ausgelagert werden.

Wie cloudifiziert man IT?

Nachdem wir ĂŒber die Motivation der Cloudification gesprochen haben, wollen wir uns Vorgehensmodelle anschauen, wie IT in die Cloud gebracht werden kann.

Man unterscheidet dabei grĂ¶ĂŸtenteils die folgenden Modelle, um selbstbetriebene Services, Applikationen, Prozesse oder Infrastruktur in die Cloud zu bringen.

  • „Lift-and-shift“ oder Rehosting: Damit ist der vermeintlich einfachste Weg gemeint. Man schiebt entweder die bestehende Infrastruktur aus dem eigenen Rechenzentrum zu einem Cloud Service Provider (CSP), oder migriert im Sinne von Infrastructure-as-a-Service (IaaS) die Applikation ohne Änderungen an der Architektur in eine andere Hardwareumgebung. Die Migration verlĂ€uft schnell und verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig kostengĂŒnstig. Dies wird vor allem dann angewendet, wenn andere Optionen nicht möglich, nicht schnell genug oder zu kostspielig sind. Beispielsweise weil das System zwar noch benötigt wird, aber nicht auf moderne Plattformen umgezogen werden kann. Damit kann aber die Effizienz der Cloud nicht wirklich genutzt werden kann.
  • Refactoring: Dabei werden Applikationen von der eigenen Infrastruktur-Plattform genommen und bei einem CSP im Sinne einer Platform-as-a-Service (PaaS)-Strategie installiert. Dies beinhaltet dessen Infrastruktur, das Entwicklungsframework mit Datenbanken, Sprachen, Compilern und Containern. Dabei verliert man FlexibilitĂ€t, die eine individuell aufgebaute Plattform bieten kann. AufwĂ€nde in Anpassungen der Applikationen an die neue Plattform sind einzuplanen. Aber wenn die Anpassungen durchgefĂŒhrt sind, profitiert man davon, daß der Betrieb und die Pflege der Plattform nicht mehr selbst ĂŒbernommen werden muß. Als Kunde kĂŒmmert sich dann nur noch um die Weiterentwicklung der Applikation und reagiert auf regelmĂ€ĂŸige Anpassungen der Plattform, zum Beispiel wegen Patching und Upgrades.
  • Überarbeitung: Applikationen werden vor der Migration in die Cloud grundlegend ĂŒberarbeitet. Dies wird vor allem fĂŒr Applikationen gemacht, die auch weiterhin benötigt werden und mit neuem Code modernisiert werden können. Danach werden diese entweder mit Rehosting oder Refactoring in die Cloud migriert.
  • Neuerstellung: Wenn möglich ist auch eine Neuerstellung der vorhandenen Applikationen vorstellbar mit dem Ziel auf innovative Funktionen der Cloud-Plattform des Providers zugreifen zu können und dabei die ProduktivitĂ€t der Entwickler zu steigern.
  • Austausch: Wenn möglich kann man auch direkt auf Standard-Software umsteigen, die von CSPs als Software-as-a-Service (SaaS) angeboten werden. Standard bedeutet einerseits, daß alle notwendigen Standardfunktionen enthalten sind, kann aber auch implizieren, daß individuell benötigte Funktionen nicht bereitgestellt werden. Dabei sind grĂ¶ĂŸere EntwicklungsaufwĂ€nde zu erwarten, die die individuell benötigten Funktionen wieder bereitstellen.

Welche Cloud-Typen gibt es?

Dies ist fĂŒr mich eine der interessantesten Fragen. Hier werden Begriffe wie Public Cloud, Private Cloud, Virtual Private Cloud, Managed Private Cloud und Multi Cloud in die Diskussion geworfen. Warum?

Unternehmen, die die Vorteile der Cloud nutzen wollen, benötigen eine Cloud-Strategie, die aufzeigt, welche Ziele man mittelfristig erreichen will. Welche Workloads möchte man in die Cloud schieben? Möchte man sich auf einen Cloud-Provider konzentrieren, oder steuert man mehrere Cloud-Provider? Welches Service-Modell (IaaS, PaaS, SaaS) wird fĂŒr welche Workload genutzt? Welche Budgets stehen zur VerfĂŒgung fĂŒr Planung, Migration, Nutzung und Management der Workloads? Wie meistert man organisatorisch die Herausforderung? Zum Beispiel durch Schaffung eines internen Cloud Competence Centers? Wie sensitiv sind die Systeme, Applikationen und Daten, die in die Cloud geschoben werden sollen?

Die Beantwortung der letzten Frage fĂŒhrt dazu, daß Workloads je nach KritikalitĂ€t, SensitivitĂ€t und Vertraulichkeit in diese unterschiedlichen Typen von Clouds geschoben werden.

  • Private Cloud: wird exklusiv fĂŒr einen Kunden betrieben und verspricht ein hohes Maß an Kontrolle und Sicherheit. Kann auf eigener Infrastruktur oder auf solcher von CSPs betrieben werden. Die Skalierung ist besser als bei eigener Infrastruktur, aber bei einigen Private Cloud Betriebsmodellen eher schwierig. Ein KapazitĂ€tsmanagement mit grĂ¶ĂŸerem zeitlichen Vorlauf ist erforderlich, um extreme Workload-Erhöhungen zu organisieren. Der Zugriff erfolgt entweder ĂŒber das Intranet oder ĂŒber ein abgeschlossenes Virtual Private Network (VPN);
  • Managed Private Cloud (MPC): soll ein Kompromiss zwischen hoher FlexibilitĂ€t und gleichzeitig hoher Datenkontrolle sein. Managed heißt hier, daß die Verwaltung zentralisiert von einem IT-Dienstleister ĂŒbernommen wird, der Infrastruktur, Netzwerk und Cloud-Software fĂŒr den Kunden bereitstellt. Die Skalierung ist hier einfacher zu organisieren, da diese Anbieter aus dem Hosting-Bereich kommen. Auch die großen IT-Dienstleister sind hier aktiv fĂŒr ihre Kunden;
  • Virtual Private Cloud (VPC): der Unterschied zur Managed Private Cloud ist, daß die Infrastruktur mit anderen Kunden geteilt wird und nicht exklusiv fĂŒr einen Kunden vorgehalten wird;
  • Public Cloud: die Infrastruktur, Services und Applikationen werden von einem CSP fĂŒr viele Kunden zur VerfĂŒgung gestellt. Die Resourcen können ĂŒber viele Rechenzentren in unterschiedlichen LĂ€ndern und Regionen verteilt sein. Die CSPs erlauben die Administration der Workloads ihrer Kunden ĂŒber eigene Management Portale oder APIs. Skalierung ist sehr einfach anzupassen und steht unmittelbar zur VerfĂŒgung. Daten in Public Clouds sollten keine sensitiven und unternehmenskritischen Informationen enthalten. Anbieter sind z.B. Amazon Web Services und Microsoft Azure.

Migration in welche dieser Cloud-Typen?

Eine zukunftsorientierte Cloud-Strategie berĂŒcksichtigt alle Cloud-Typen und auch weiterhin traditionell betriebene non-Cloud IT Infrastruktur, Services und Applikationen. Bei der Umsetzung dieser Strategie entwickeln Experten eine Vorstellung darĂŒber, welche Workload traditionell oder in Cloud-Infrastrukturen betrieben werden sollen. Bei Migrationsprojekten werden Landingzones definiert, in die Services und Applikationen migriert werden. Beispielhafte Landingzones können sein:

  • Landingzone 1: Traditionelle IT
  • Landingzone 2: Virtual Private Cloud
  • Landingzone 3: Public Cloud
  • Landingzone 4: Software-as-a-Service
  • Landingzone 5: Business Process Outsourcing
  • Landingzone 6: Außerbetriebnahme
IT-Betriebsmodelle, oder Landingzones bei Multi Cloud – große Auswahl möglich

Daraus erkennt man, daß zukĂŒnftige Firmen-IT-Landschaften immer als Multi Cloud-/Multi Supplier-Betriebsmodell betrachtet werden mĂŒssen. DafĂŒr benötigt man eine entsprechende Governance, Reporting, Monitoring und Planung, die idealerweise durch ein internes Cloud Competence Center unterstĂŒtzt wird.

Was ist bei Multi Cloud-Betriebsmodellen zu beachten?

Ich selbst habe mich bei einer Schulung meiner Firma fĂŒr die Rolle Digital Solution Designer (Link) bereits diesem Thema intensiv gewidmet. Was man in der Diskussion mit Kollegen und Kunden immer wieder heraushört sind Unsicherheiten und Unkenntnis, wie man die Herausforderung von zukĂŒnftigen Multi Cloud-Betriebsmodellen stemmen soll.

Interne IT Dienstleister verschieben Workload in unterschiedliche Cloud Typen bei CSPs und geben damit traditionelle Betriebs- und Planungsaufgaben auf. Es ist mehr Management im Sinne der Kontrolle von Multi Supplier-Leistungen erforderlich und ein einheitlicher Überblick ĂŒber Kosten und Services aus unterschiedlichen Quellen ist zu erreichen. CSPs bieten on-demand, Self Service FunktionalitĂ€ten mit nahezu unendlicher KapazitĂ€t an. Dies macht es fĂŒr Firmen schwer nachzuvollziehen und zu steuern, was verbraucht wird.

Der Life Cycle von Workloads muss gesteuert werden. Eine regelmĂ€ĂŸige ÜberprĂŒfung der Workloads und eine Analyse, die aufzeigt, ob diese Workloads bei den verantwortlichen CSPs weiterhin im Sinne der FirmenbedĂŒrfnisse (Kosten, Effizienz, FlexibilitĂ€t, Nutzen, etc.) betrieben wird, ist unerlĂ€sslich.

Beispiele fĂŒr Cloudanwendungen im Digitalen Leben

Zum Schluß möchte ich doch wieder eher den privaten Blick auf Cloud-Services werfen. Netflix ist eine der beeindruckendsten und immer gern zitierten Success Stories fĂŒr die Migration in die Cloud. Netflix nutzt die Amazon Web Services (AWS) und war damit in der Lage innerhalb kĂŒrzester Zeit international zu expandieren (Link).

Wo nutzen wir alle persönlich schon Cloud-Services im tÀglichen Leben?

  • Email-Services;
  • Datenspeicher wie iCloud, OneDrive und Dropbox;
  • iCloud zur Synchronisierung unserer Inhalte ĂŒber mehrere GerĂ€te und Plattformen;
  • Content Anbieter wie Spotify, Apple Music, Netflix, Disney+;
  • alle Formen von Integrator-Plattformen wie Airbnb (Touristik), Uber (MobilitĂ€t), Flipboard (News), Readly (Magazine);
  • soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram, WhatsApp;
  • Videostreaming-Plattformen wie YouTube;
  • Videokonferenz-Plattformen wie Facetime, Zoom, Skype;
  • Betreiber von Webseitendiensten wie WordPress.com (vielen Dank dafĂŒr);
  • Office-Plattformen wir Office365 von Microsoft;
  • Computerspiel-Plattformen;
  • Geocaching;
  • und vieles mehr.

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