Vergleich von Tinnitus-Apps

Seit Jahren leide ich unter starkem Tinnitus auf beiden Ohren. Begonnen hat es 2005 mit einem Tinnitus auf dem rechten Ohr kurz vor dem Ende eines schweren Projektes. Wir standen kurz vor der Abschlusspräsentation, als der Tinnitus sich stark in den Vordergrund spielte. Seitdem bestimmt er meine tägliche Hörwahrnehmung.

Im Jahr 2010 kam auch auf dem linken Ohr ein Tinnitus dazu und seit 2015 ist der Tinnitus dort noch schlimmer geworden.

Es sind laute und hochfrequente Töne. Auf der Webseite tinnitracks.com konnte ich heute den Ton auf dem linken Ohr bei 10kHz eingrenzen. Aber ist das exakt? Heute habe ich die Übung mit der App Whist wiederholen können, und hier wird mir eine Frequenz von knapp 7,8kHz angezeigt. Eine weitere App ist Tinnitusplay, welche auch eine Matching-Funktionalität hat. Dort wird mir 9769Hz angezeigt. Was stimmt denn nun? Eine demokratische Entscheidung wäre 10kHz, da zwei von drei Tools diese Frequenz anzeigen.

Was sagt die Medizin zu Tinnitus?

Die Ärzte sind ratlos. Außer regelmäßiger Hörtests und der Umsetzung akuter Maßnahmen kurz nach dem Vorfall fällt ihnen nicht viel ein. Dies beinhaltet z.B. Blutverdünnung, Verschreibung von Ginko, Krankschreibung, um Stress zu reduzieren.

Laut Ansicht der Ärzte kann ein Tinnitus eine körperliche Verletzung im Ohr sein, z.B. geplatzte Blutgefäße, die dieses Geräusch auslösen. Aber nach der Heilung der Verletzung würde das Gehirn des Tinnitus-Betroffenen diesem dann diesen Ton weiterhin dauerhaft suggerieren. Man könne dagegen nichts machen und müsse eher damit leben lernen. Gerne wird dann autogenes Training als mögliche Therapie vorgeschlagen, damit man die Wahrnehmung der Ohrgeräusche unterdrückt.

Leben mit Tinnitus

Tatsächlich ist das Leben mit dem Tinnitus schwer, wie ich das schon in einem Artikel (Link) festgehalten habe. Die Ohrgeräusche überlagern vieles was ich an Geräuschen und Stimmen wahrnehme.

Deshalb fällt es mir häufig schwer mich bei Gesprächen auf die Unterhaltung zu konzentrieren, da mein Gehirn die manchmal undeutlichen Gesprächsfetzen zu sinnvollen Worten zusammensetzen muss. Das gelingt nicht immer und führt häufig zu Missverständnissen.

Auch ermüde ich bei anstrengenden Gesprächen sehr schnell, z.B. mit nicht-native-english-Speakern 😉, da diese Art der Gespräche eine erhöhte Konzentration erfordern.

Aber als Technikgläubiger denke ich, dass es doch technische Lösungen geben kann. Z.B. Hörgeräte, die die Tinnitusfrequenzen im Soundspektrum verstärken und damit diese Frequenz übertönen. So weit bin ich noch nicht, daß ich mir ein Hörgerät einsetze. Eher noch Apps, die dasselbe auf dem iPhone machen, und mir aufbereiteten Sound in die Ohren über Apples AirPod Pro einspielen. Deshalb war ich mal gespannt, was der Apple App Store an Lösungen anbot.

Tinnitus-Apps aus dem Apple App-Store

Das Angebot ist vielfältig. Ich habe mal alles runtergeladen, was nicht kostenpflichtig ist. Über InApp-Käufe holen sich die meisten Anbieter doch vom Nutzer das Geld. Folgende Applikationen sind auf meinem iPhone gelandet.

  • ReSound Relief: „Begegnen Sie Ihrem Tinnitus mit Klangtherapie und Entspannungsübungen“. Einsatz von ReSound Relief, wenn man sich mit Hintergrundklängen vom Tinnitus ablenken möchte. Von ReSound. Größe 113,3MB. Letzte Version 5.2.5 vor sieben Monaten auf den Markt gekommen.
  • Tinnitus Aid: „Upgrade NOW to Tinnitus HQ“. Klänge und Mixe, aber keine Hilfe, wie man mit den Audiofiltern „Bandsperre“ und „Bandpass“ umgeht und was diese bewirken sollen. Upgrade für 16,99€. Von Phase4 Mobile. Größe 101,8MB. Letzte Version 1.8 vor zwei Monaten auf den Markt gekommen
  • Beltone Calmer: „Begegnen Sie Ihrem Tinnitus mit Klangtherapie und Entspannungsübungen“. Ups, das ist dieselbe App wie oben. Und auf dem fünften Screen zeigt es sich deutlich, weil dort die App auch ReSound Relief genannt wird. Was soll denn das? Von GN Hearing. Größe 113,3MB. Letzte Version 5.2.5 vor sieben Monaten auf den Markt gekommen.
  • Tinnitracks: „Tinnitracks wird vom HNO-Arzt verordnet und die Kosten werden von vielen Krankenkassen übernommen“. Die App unterstützt mit zwei Therapien: Basis-Therapie und Neurologie-Therapie. Kann nur mit einem Aktivierungscode durch einen teilnehmenden HNO-Arzt aktiviert werden. Meine Barmer Krankenkasse unterstützt das nicht. Von Sonormed. Größe 8,8MB. Letzte Version 2.0.4 vor zwei Monaten auf den Markt gekommen.
  • Tinnitus Relief: „Mask your Tinnitus„. Netter Ansatz, aber die App ist an einigen Stellen nicht wirklich gut bedienbar auf einem iPhone 11 Pro max (z.B. ist der Slider für die Zeiteingabe nicht sichtbar. Schwarz auf Schwarz macht halt nicht wirklich Sinn). Einige Sounds sind kostenpflichtig für 1,09€. Von Rehegoo. Größe 33,7MB. Letzte Version 1.2 vor sieben Monaten auf den Markt gekommen.
  • Tinnitus: „Tinnitus und Maskieren„. Die App verweist auf die Tinnitus-Liga (Link), hat aber vermutlich nichts mit diesen zu tun. Auf deren Webseite gibt es keinen Hinweis auf diese App. Im Grunde nur ein Rauschen, was stundenlang eingesetzt werden soll. Und eine Statistik über den Einsatz. Von John goodstadt. Größe 2,1MB. Letzte Version 2.1 vor zwei Jahren auf den Markt gekommen.
  • Tinnitus Angel: „Sound Therapies with Subscription„. Nun ja, ohne Subscription kann man nichts austesten. Der Guide weist aber darauf hin, daß die App einen Frequency Test beinhalten würde, um die Tinnitus-Frequenzen zu identifizieren. Sehr interessant. Und nach dieser Bestimmung können dann entweder eine Neuromodulation Therapy oder eine Notched Sound Therapy angewendet werden. Eine Subscription für 3 Monate kostet 61,99€. Fühlt sich irgendwie nach der Katze im Sack an. Ob das vertrauenswürdig ist? Die App vermittelt nicht das Gefühl. Von JX Labs Limited. Größe 1,2MB. Letzte Version 1.1.0 vor zwei Jahren auf den Markt gekommen.
  • Whist: „Audio Setup„. Schon beim Audio-Setup scheitert die App kläglich. Ich erinnere mich, daß ich diese App schon vor einem Jahr verworfen habe, weil ich nie einen Ton auf meinem AirPod Pro reproduzieren konnte. So taub bin ich nun doch nicht. Heute ist es mir mit meinem Logitech Ultimate Ears Triple Fi gelungen einen Ton über Kabelverbindung zu hören. Überraschung: ich konnte meine Frequenz auf knapp 7843kHz einschränken. Die App spielt aber nichts als die identifizierte Frequenz ab. Von Sensimetrics Corporation. Größe 8,3MB. Letzte Version 1.5 vor einem Jahr auf den Markt gekommen.
  • Tinnitusplay: „Science-based sound modules to help your tinnitus„. Auch hier gibt es ein Frequenz-Matching, was mir aber interessanterweise 9769Hz als Tinnitus-Frequenz auf dem linken Ohr attestierte. Die Methoden, die dann angewendet werden können sind Notched Audio, Neuromodulation (wie bei Tinnitus Angel) und Amplitude Modulation. Bisher der vielversprechendste Ansatz. Von GIMO. Größe 28MB. Letzte Version 1.0.1 vor 9 Monaten auf den Markt gekommen.
  • Tinnitus Simulator: „Wähle Rocker Tinu, Raver Säm oder Normalo Peter„. Man fängt mit der Auswahl eines der drei genannten Profile an. Ich habe mal Normalo Peter ausgewählt und es gleich wieder sein lassen. Die Oberfläche ist uralt und nicht wirklich bedienbar. Und die Tonbeispiele funktionieren auch nicht. Egal was ich ausgewählt habe. Da hat einer versucht ein erstes Programmierprojekt zu basteln. Und das wahrscheinlich auf Android und dann später auf iOS portiert. Laßt die Finger davon. Von ITerativ GmbH. Größe 13,4MB. Anscheinend 2014 für iOS 6 auf den Markt gekommen. Keine Versionsinformationen verfügbar im App Store.
  • Tinnitus Balance App: „Manage your Tinnitus„. Nach der schönen Beschreibung, was Tinnitus ist und wie er behandelt werden kann, liefert die App nicht wirklich irgendwas. Im Grunde ist die App ein Musikplayer, in den man seine Lieblingsmusik aus seiner Musiklibrary einladen und abspielen kann. Es sind keine Sounds vorhanden wie zum Beispiel Rauschen oder ähnliches. Was soll das? Kann nur als vollkommene Nichtleistung im Sinne einer Tinnitus-App angesehen werden. Der Hersteller bietet Hörgeräte an, aber auch seine Webseite läßt viel Fragen offen. Von Phonak. Größe 32MB. Letzte Version 2.1 vor vier Jahren auf den Markt gekommen.
  • Diapason: „Welcome! The therapy to help you better manage your tinnitus„. Sehr elegant gestaltete App. Aber: erstmal bitte einen Account für die erste kostenlose Analyse erstellen. Gut, habe ich gemacht. Dann beginnt ein Tinnitus-Frequenz-Matching. Hierbei komme ich mit maximaler Lautstärke auf eine Frequenz von 10351Hz. Danach wird ein Rauschen produziert, was als therapeutischer Sound bezeichnet wird. Danach kann man die Acoustic Pulse Methode anwenden. Interessant, aber ohne wirkliche Wirkung. Von Immersive Therapy. Größe 124,5MB. Letzte Version 1.18.5 vor zwei Monaten auf den Markt gekommen.
  • aurio: „Aurio can help alleviate the symptoms of your tinnitus„. Diese Software ist anscheinend auch für eine ältere iOS-Version gebaut worden. Maskers sollen den Tinnitus maskieren. Aus einer Mischung von Weißem, Braunem, Rosa und Purpur Rauschen soll man sich einen Masker erstellen. Funktioniert zwar, aber ich habe keine Ahnung, wie das mit meinen spezifischen Tinnitus-Frequenzen korrelieren soll. Versuch macht schlau? Kurzes Fazit: nicht wirklich nutzbar und schlecht gemacht. Von aurio. Größe 16,7MB. Letzte Version 1.02 vor einem Jahr auf den Markt gekommen.
  • AudioNotch: „Turn down your tinnitus„. Auch hier wird die Notched Sound Therapie angeboten Dabei werden die Frequenzen rund um die Tinnitus-Frequenz stark abgeschwächt in Sounds, die einem vorgespielt werden. Das regelmäßige Hören dieser angepassten Sounds ist dann kostenpflichtig. Hier gibt es auch ein Tinnitus-Frequenz-Matching. Also auf gehts. Hm, doch nicht so einfach. Erst muß ein Account erstellt werden. Kann man aber überspringen. Und dann wollte ich das Matching machen, funktioniert aber nicht. Nun ja, dann lasse ich es eben. Das Preismodell beinhaltet mehrere Tarife, z.B. 43,99€ für die zweimonatige Nutzung. Von AudioNotch, LLC. Größe 11,7MB. Letzte Version 1.0.4 vor zwei Jahren auf den Markt gekommen.
  • Quiten: „Welcome to Quiten, the App that helps you recover from tinnitus„. Der Autor beschreibt hier in einer Sammlung von Videos und Meditationsaufnahmen, wie er selbst den Tinnitus bekämpft hat. Mit Sicherheit sehr viel Arbeit, die da hinein geflossen ist. Für den Premium Content benötigt man auch wieder eine Subscription, z.B in Höhe von 33,99€ für ein Jahr. Von Julian Cowan Hill. Größe 20,3MB. Letzte Version 5.0 vor acht Monaten auf den Markt gekommen.
  • Track Your Tinnitus: „Mit Track Your Tinnitus können Sie Ihre individuellen Schwankungen der Tinnituswahrnehmung mittels einer Smartphone App erfassen„. Ohne eine Registrierung kann man diese App nicht nutzen. Und auch nicht erfahren, was einem dabei geboten wird. Man wird Fragebogenbasiert zu seiner Tinnitus-Wahrnehmung befragt. Und das wiederholt. Darauf aufbauend werden Studien mit Daten befüllt und Reports können daraus gezogen werden. Da auch die Webseite und die App Store-Seite nicht wirklich viel mehr Informationen liefern, werde ich den Test hier abbrechen. Wurde 2013 von der Universität Ulm zusammen mit dem Entwickler Tinnitus Research Initiative entwickelt. Größe 8,9MB. Letzte Version 1.2.1 vor drei Jahren auf den Markt gekommen.
  • Kalmeda: „Kalmeda ist ein individuelles Übungsprogramm, das Dir hilft, Deinen Tinnitus zu bewältigen und wieder mehr Ruhe in Dein Leben zu bringen„. Auch hier ist eine Registrierung erforderlich. Das Preismodell sieht 38,99€ pro Monat für ein Abo vor. Geliefert wird einem eine auf die speziellen Bedürfnisse angepasste Therapiemethode. Hübsch gemacht mit vielen Informationen. Angeblich basieren die angewandten Methoden auf langjährigen Erfahrungen in der Behandlung von Tinnitus und entspricht den Leitlinien der wissenschaftlichen Fachgesellschaften. Warum diese Applikation so groß ist, kann ich nicht nachvollziehen. Von mynoise GmbH. Größe 405,9MB. Letzte Version 1.5.3 vor zwei Wochen auf den Markt gekommen.
  • TinnitusCure: „Error. SEATTLECLOUD.COM ACCOUNT SUSPENDED. PUBLISHERID:tashlik. USERNAME:sikun4u. APPID:tinnituscure„. Fehlermeldung und das wars. Von Gyan Sahoo. Größe 33,4MB. Keine Versionsinformation verfügbar außer ein Copyright von 2016.
  • Tinnitus Therapy Lite: „Tinnitus Therapy Lite„. Spielt Sounds ab, wie Lüfter und Rauschen. Die App sieht nicht wirklich modern und speziell für iOS gebaut aus. Das User-Interface ist ziemlich einfach gestaltet. Alle möglichen weiteren Sounds kann man per InApp-Purchase nachkaufen. Zum Glück war das die letzte Software, die ich mir zum Testen vorgenommen habe. Von Sound Oasis. Größe 126,3MB. Die Versionsbezeichnung 1.2.5 ist nur in der App auf der Einführungsseite sichtbar, aber nicht im App Store. Im App Store bezeichnet sich Sound Oasis selbst als den „World Leader in Sound Therapy systems„. Die App vermittelt nicht diesen Eindruck.

Und zum Abschluss die Bewertung der Apps

Der iOS App Store gilt als beste und sicherste Quelle für Software, die man für das iPhone und das iPad bekommen kann. Daß sich bei einem Spezialthema wie Tinnitus neben vielen guten Apps auch schlechte Apps dort finden, ist nicht verwunderlich. Aber ein Totalausfall wie TinnitusCure, wo nur eine kryptische Fehlermeldung beim Start auftaucht (Error. SEATTLECLOUD.COM ACCOUNT SUSPENDED. PUBLISHERID:tashlik. USERNAME:sikun4u. APPID:tinnituscure) ist schon sehr bedenklich.

Wenn man von diesem Totalausfall absieht war die Auswahl sehr interessant:

  • zwei identische Apps mit unterschiedlichem Namen (ReSound Relief und Beltone Calmer) im App Store. Ist das ein Beispiel für eine schamlose Kopie durch einen App-Dieb?
  • Drei Apps, die ein Tinnitus-Frequenz-Matching erlauben (Whist, Tinnitusplay, Diapason)
  • Eine von HNO-Ärzten empfohlene und wahrscheinlich eingesetzte Software (Tinnitracks). Eine App, die sich auf die letzten Erfahrungen in der Tinnitusforschung beruft (Kalmeda). Eine von der Universität Ulm mit dem Entwickler Tinnitus Research Initiative erstellte App (Track Your Tinnitus)
  • Apps, die nicht auf die iOS-Platform angepasst sind und auch eher nicht wirklich gut funktionieren (Tinnitus Relief, Tinnitus Angel, Tinnitus Simulator, aurio, Tinnitus Therapy Lite)
  • Apps, die eher auf Beratung Wert legen, als die App mit technischen Therapiemethoden zu bestücken (Quiten, Track Your Tinnitus)
  • Und viele Apps, die einfach Sounds abspielen (Resound Relief, Tinnitus Aid, Tinnitus, Tinnitus Angel, Tinnitus Balance App, aurio, Tinnitus Therapy Lite).

Mein Gewinner heißt Tinnitusplay von GIMO. Gefolgt von Diapason. AudioNotch werde ich mir nochmal genauer mit einem Account anschauen. Und meinen HNO-Arzt werde ich mal wegen Tinnitracks fragen.

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