Konvergenz versus Integration

Seit 1984 sind die User Interface-Vorgaben sehr stringent, was graphische Computerbedienoberflächen angeht. So ist es kein Wunder, daß dreißig Jahre später jedes Computer-Betriebssystem nach denselben optischen und technischen Prinzipien funktioniert.

Egal ob Windows, Mac OS, Linux oder jedes andere Desktop- und Laptop-Betriebssystem: es gibt einen Desktop, auf dem Objekte (z.B. Dateien) abgelegt werden; Fenster, die die Navigation in Filestrukturen und die Interaktion mit ihnen ermöglichen; Menüzeilen mit Möglichkeiten zur Steuerung und Interaktion mit Betriebssystem und Programmen; weitere Objekte zur Bedienung des Systems, wie z.B. Papierkorb und Mauszeiger; Programme für die unterschiedlichsten Kategorien von Aufgaben. Und eigentlich sieht fast alles auch gleich aus. Nach dreißig Jahren sind die unterschiedlichen Systeme aufeinander zu konvergiert und die Unterschiede sind nur noch minimal. Kennt man sich auf einem System aus, so ist der Umstieg auf ein anderes System nicht schwierig.

Bis jetzt: es scheinen sich die Systeme von der grundlegenden Bedienung und ihren Konzepten in unterschiedliche Richtungen weiterzuentwickeln. Windows führt mit der Metro-Oberfläche eine neue Bedienoberfläche ein, die neben dem Desktop eine weitere Welt von Applikationen eröffnet. Mac OS hat die Gestensteuerung mit Mehrfingergesten eingeführt, die alte Bedienparadigmen sinnvoll erweitert. Googles Chrome ist als neuer großer Konkurrent von Microsoft das erste Mal seit 20 Jahren in der Lage Marktanteile in einer bedeutenden Größenordnung von Microsoft zu übernehmen. Und das mit einem Betriebssystem, welches sich komplett auf einen Browser und die damit zusammenhängenden Konzepte konzentriert. Woran liegt diese plötzliche Neuausrichtung?

Es scheint die Ausbreitung der Mobilsysteme Android und iOS im Consumerbereich zu sein, die dazu führt, daß der Markthirsch Microsoft auf einmal ins Hintertreffen gelangt. Früher waren es Business-Kunden, die den Bedarf definiert haben und die Computerindustrie weiter gebracht haben. Nun sind es die Consumer, die sich für einfache Konzepte wie Smartphone und Tablet entschieden haben und diese Konzepte in ihr Arbeitsleben integrieren wollen. Für diese Anforderungen scheint Microsoft keine interessanten Produkte anbieten zu können. Die bereits im Jahr 2001 eingeführten Tablets sind in ihrer damaligen Konzeption nie von den Kunden als interessante neue Produkte akzeptiert worden. Nur einige technikaffine Professionals wollten diese Produkte in ihren Workflow einbinden. Letztendlich waren sie nur eine Erweiterung der bestehenden Produkte um zusätzliche Funktionen. Windows CE, Phone 7 und Phone 8 wurden von den Kunden noch nicht so angenommen, wie es Android und iOS mittlerweile ist.

Hier musste Microsoft gegensteuern und eine Alternative für iPads und Android-Tablets anbieten. Wir haben hier einen interessanten Move von Microsoft gesehen, in dem sie mit Windows 8 ein Betriebssystem auf den Markt geworfen haben, was sowohl auf Tablets als auch auf PCs verwendet werden soll. Microsoft versucht mit einer Betriebssystemversion zwei Produktkategorien zu bedienen und leistet jetzt seit mehreren Jahren Überzeugungsarbeit, daß dieser Ansatz erfolgversprechend ist.

Ich nenne Microsofts Ansatz den konvergenten Ansatz. Als Gegensatz dazu sehe ich den integrativen Ansatz, den Google und Apple verfolgen. Diese beiden Marktteilnehmer vertreten die Meinung, daß für Tablet und PC unterschiedliche Betriebssystemvarianten erforderlich sind, da die Bedienkonzepte auch völlig unterschiedlich sind. Google bietet auf der PC-Plattform das sehr erfolgreiche Google Chrome an und konnte mittlerweile viele Partner finden, die Hardware erfolgreich am Markt anbieten. Auf der Mobilplattform ist mit Android das Betriebssystem mit dem höchsten Marktanteil erfolgreich. Apple wiederum hat für seine PC-Sparte mit Mac OS X ein vollwertiges PC-Betriebssystem auf Unix-Basis am Start und für die mobilen Geräte gibt es iOS. Sowohl Google als auch Apple sind vor allem im Bereich der Mobilplattformen sehr erfolgreich. Beide bieten ihre Betriebssysteme mittlerweile kostenlos an.

Dies hat interessanterweise dazu geführt, daß der Umsatz in der PC-Sparte im Vergleich zu den Jahren zuvor geradezu eingebrochen ist. Der Consumer hat entschieden, daß er keine PCs mehr will, sondern für seine Nutzungsszenarien angepasste Mobilgeräte wie Smartphones und Tablets.

Neben Microsoft ist auch Intel Leidtragender dieser Situation, da die Mobilplattformen vor allem auf ARM-Prozessoren basieren und die leistungsfähigeren, aber energiehungrigeren Intel-Prozessoren nicht genutzt werden. Dem versuchen nun diese beiden Giganten des PC-Business vehement gegenzusteuern. Intel versucht die Hersteller von Tablets und Smartphones zu „motivieren“ ihre stromsparenden Prozessoren zu verwenden. Microsoft versucht sein Windows-Betriebssystem in einigen Fällen sogar kostenlos an die Hersteller von Tablets und Smartphones zu vertreiben, damit diese günstigere Geräte mit Windows anbieten zu können. Der Marktanteil von Windows ist auf diesen Plattformen verschwindend gering. Android und iOS dominieren.

Eine wirklich interessante Situation! Bis vor wenigen Jahren war klar, daß keiner an Intel bei Prozessoren und keiner an Microsoft bei Betriebssystemen vorbeikam. Ihre Bastionen waren gesichert und es gab keinen weiteren Marktteilnehmer, der nur im entferntesten an die Marktanteile dieser beiden Firmen herankam. Warum sind auf einmal diese beiden Firmen in der Defensive? Und was sind ihre Ansätze, um hier gegenzusteuern?

Könnte Microsoft nicht auch den integrativen Ansatz fahren und für die Mobilplattformen ein speziell angepasstes Betriebssystem anbieten? Ja, das wäre eine Möglichkeit, aber Microsoft versucht natürlich seinen Marktanteil von über 90% vom Desktop-OS Markt auf den Mobilmarkt zu übertragen. Der Aufbau eines neuen Mobilbetriebssystems hätte eine Portierung aller erfolgreich am Markt etablierten Softwareprodukte erforderlich gemacht. Dies hätte erhebliche Aufwände erzeugt und wäre vom Markt wahrscheinlich abgestraft worden, da diese Produkte dann mit geringerer Leistung und Funktionalität auf diesen Mobilplattformen veröffentlicht worden wären. Alleine die Portierung von der Intel- auf die ARM-Plattform scheint schon nicht trivial zu sein. Dies zeigt die chronische Erfolglosigkeit von Windows RT. Neben MS Office ist eigentlich kein weiteres erfolgreiches PC Software-Produkt auf der ARM-Plattform erschienen.

Welche Aufgaben hat Microsoft vor sich, wenn es weiter diesen Konvergenz-Ansatz verfolgt?

1.)    Die Hardware muss noch leichter und energieeffizienter werden, damit es gegen die eleganten, stromsparenden ARM-Plattformen bestehen kann. Intel und Windows benötigen deutlich mehr technische Ressourcen, als es iOS und Android erfordern

2.)    Die graphischen Benutzeroberflächen „Windows Metro“ und „Windows Desktop“ müssen konvergieren. Das heißt, daß „Windows Desktop“ touch-bedienbarer werden muss und „Windows Metro“ Maus-bedienbarer werden muss. Auch scheint es Lösungen in beiden Benutzeroberflächen für dieselben Aufgaben (wie z.B. Email, Browser, Kalender, etc.) zu geben, die bisher nicht aufeinander abgestimmt sind. Da muss im Sinne der Konvergenz noch viel Arbeit von Microsoft und seinen Software-Partnern geleistet werden.

Was passiert,wenn Microsoft mit seinem Konvergenz-Ansatz gewinnt?

Da müsste natürlich erst die Frage beantwortet werden, wie gemessen werden kann, daß Microsoft gewinnt. Aus wirtschaftlicher Sicht bedeutet dies, daß Produkte auf Windows 8.1-Basis von den Consumern in grosser Zahl gekauft werden und sich die Marktanteile im PC- und Mobilgerätemarkt zugunsten Microsoft verschieben. Gerade im PC-Markt findet gerade eine Entscheidungsschlacht statt, da viele Consumer und Business-Kunden von ihren Windows XP-Geräten auf neue Geräte umsteigen. Für den Consumer bieten sich aber nun mehrere Möglichkeiten, und die Wahl wird sehr beeinflusst von den Mobilplattformen, die die Consumer bereits besitzen. Und die heißen in den meisten Fällen iOS und Android. Da ist die Hemmschwelle von einem bekannten PC-Betriebssystem auf eine neue Plattform umzusteigen sehr gesunken. Vor allem da sowohl Apple als auch Google eine hohe Integration anbieten und damit diese Consumer sich in den neuen Plattformen sofort zurecht finden werden. Daß Microsoft auch einen Riesen-Schritt in Richtung Touch-Bedienoberfläche gemacht hat, schreckt zusätzlich die Consumer ab, da die Learning Curve beim Umstieg von Windows XP auf Windows 8.1 doch höher als erwartet ist für diese Umsteiger.

Aber wenn es gelingt, genügend Consumer und Business Kunden auf Windows 8.1 Devices zu ziehen, dann ist die Bastion Windows wieder gesichert und damit auch die Intel-Plattform. Entwickler werden genügend Guidelines und APIs vorfinden, um attraktive und leistungsfähige Spitzenprogramme anbieten zu können. Und sie werden diese auch nur einmal als universelle Applikation entwickeln müssen, und können es gleich für alle Plattformen mit minimalem Aufwand portieren. Und auch der Endkunde würde einmal eine Software kaufen und könnte diese auf jeder Plattform dann nutzen. Eindeutig eine win-win-Situation für Entwickler und Kunden.

Aber wie werden sich die Kunden entscheiden? Migrationspfade von Windows XP zu Windows 8.1 sind nicht trivial. Sie sind auch meistens mit der Neuanschaffung von neuer Hardware verbunden. Ausserdem ist die Windows-Plattform die am meisten mit Viren verseuchte Plattform und erfordert einen hohen Pflege-Aufwand von den Anwendern. Regelmäßige Updates, lizensierte Antiviren- und Security-Software, immer die Unsicherheit, ob nicht gerade ein Virus oder Trojaner meinen Rechner übernommen hat. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, daß dies viele Consumer abschreckt und sie andere Möglichkeiten akzeptieren, wenn sie weniger administrieren und mehr konsumieren und produzieren können.

Nehmen wir das Beispiel eines iOS-Nutzers. Er hat mittlerweile alle Kontakte und Termindaten in seinem iOS-Gerät gespeichert. Hat dort seine Emails und Apps bereit. Kann rudimentär auch Office-Dateien, oder komfortabel iWork-Dateien editieren und auch in der iCloud ablegen, um sie dann im Browser auf dem PC weiterzuverarbeiten. Seine Fotos sind teilweise auf dem iOS-Gerät und auch auf dem PC abgelegt. Ebenso seine Musik und Filme. Wenn er sowieso neue Hardware kaufen muss, und bereit ist auch im PC-Bereich die teure Apple-Schiene zu verfolgen, dann findet er ein hochintegriertes Ökosystem vor. Er wird z.B. von einfachen Migrationspfaden unterstützt, eventuell auch im Apple Store läßt sich der neue Rechner schnell aufsetzen. Apple hat immer noch den Ruf recht viren-resistent zu sein und verlangt auch keine grosse Administration und Pflege. Software wird im Hintergrund automatisch aus dem App Store aktualisiert. Daten sind in beiden Welten verfügbar und werden über iCloud Sync oder iTunes sysnchronisiert. Danach hat der neue Apple-User die Möglichkeit auf einfachste Weise ein jedes weitere Apple-Gerät (egal ob PC oder Mobilgerät) in seine Umgebung einzubinden und findet durch die hohe Integration sofort alle seine Daten wieder vor.

Was ändert sich für diesen Consumer? Zuerst muss er sich an die neue Oberfläche gewöhnen. An neue Apps wie iTunes und iPhoto. An neue Konzepte wie z.B. Bilder, Filme und Musik nicht mehr manuell in Ordnern zu organisieren. An Gesten, die ihm die Bedienung des PC-Systems erleichtern. Er muss Spezial-Software neu für den Mac kaufen, die er bereits für die Windows-Plattform gekauft hat. Eventuell findet er keine Entsprechung auf der Apple-Plattform, oder er findet neue Software, die nicht all das bietet, was er gewöhnt war. Auch muss er sich daran gewöhnen, daß die Apple-Plattform sich dadurch auszeichnet, nicht jede Funktionalität zu bieten, sondern sich auf das Wichtigste zu konzentrieren. Aber er findet auch auf dem neuen Rechner sofort alles vor, was er als Consumer wirklich benötigt. Ausserdem eine professionelle Backup-Lösung mit Time Machine.

Nehmen wir nun das Beispiel eines Android-Nutzers. Über sein Google-Konto sind alle seine Daten in der Google-Cloud vorhanden. Er ist tief in den Google-Services verdrahtet und findet viel Komfort auf seiner Plattform vor. Mit sehr wenig Geld kann er ein Chromebook kaufen und hat nach Eingabe seines Google-Kontos schon alles auf seinem neunen Rechner vorliegen. Das Konzept ist stark auf den Chrome-Browser und auf Browser-basierten Applikationen eingeschränkt. Die Migrationspfade werden dann schwer, wenn man auf seiner alten Plattform viele Dokumente hat, die man auch in Zukunft nutzen will. Diese sind alle in die Google-Cloud zu übertragen, ansonsten können sie nur eingeschränkt lokal auf dem Chromebook abgelegt werden. Konzeptionell ist Google Chrome ein Online-OS, mit rudimentären lokalen Ablagefunktionen. Das bedeutet aber auch, daß benutzte Spezialsoftware nicht mehr auf dem Chromebook genutzt werden kann, sondern nach Web-Applikationen mit ähnlichen Funktionen geschaut werden muss. Für Prosumer und Professionals kann das bedeuten, daß diese Plattform für sie nicht in Frage kommt. Aber Consumer würden hier ein flexibles und elegantes System ohne jeden Administrationsaufwand vorfinden und könnten sich auch schnell an die Bedienung gewöhnen.

Was ändert sich für diesen Consumer? Durch die hohe Integration von Android- und Chrome-Plattform über die Google-Services findet der Kunde all seine Daten vor und kann sich innerhalb dieses Ökosystems sicher und komfortabel bewegen. Vielleicht nicht so sicher wie in der Apple-Welt, da Android mittlerweile die Rolle als schlimmste Virenschleuder von Windows übernommen hat. Was seine alten Spezialanwendungen und Office-Dateien angeht, wird er aufwändige Migrationspfade über die Google-Cloud und Web-Apps durchlaufen müssen und wird nie wieder eine solche professionelle Platform wie unter Windows vorfinden. Für Consumer akzeptabel, für Prosumer und Business Kunden nicht zu tolerieren. Der Consumer, der gelegentlich einen PC nutzen will, wird mit dieser Konstellation bestens bedient sein und bekommt dieses vor allem für sehr wenig Geld. Was er akzeptieren muss ist, daß seine kompletten Daten über die Welt verteilt in Google-Datacenter liegen und er für diese Firma und seine Kunden eine vielleicht unheilvolle Transparenz aufzeigt.

Aber diese Gefahr haben Kunden zur Zeit bei jedem dieser Ökosysteme, da alle drei Anbieter den Komfort über Services in der Cloud ermöglichen. Und damit sind die Daten überall in der Welt, vor allem aber in den USA-Datacentern abgelegt. Und diese sind offen für amerikanische und Dienste anderer Länder für großflächige Datenschnüffelei.

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