Die PC-Plattform – zuerst IBM und dann Wintel

Wer meinem Blog bis hierhin gefolgt ist wird festgestellt haben, dass ich die PC-Plattform sehr vernachlĂ€ssigt habe. Dies ist um so verwunderlicher, als dass doch die von IBM geschaffenen PCs seit 1981 auf dem Markt sind. Anfangs haben PCs die Business-Kunden und nach und nach auch die Consumer im Sturm erobert. Die von mir in meinem Blog gehypte Apple-Plattform hat dagegen so viel weniger Erfolg bezĂŒglich des Marktanteils vorzuweisen.

Der Ur IBM PC (Quelle: By Rama & MusĂ©e Bolo – File:IBM_PC-IMG_7271.jpg, CC BY-SA 2.0 fr, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=94784371)

Woran liegt das? Nun ja, ich habe mich erst ab 1983 fĂŒr Computer interessiert. Und da lagen mir Homecomputer in den ersten Jahren nĂ€her am Herzen. Sie waren gĂŒnstiger und boten den Kids einfach mehr Spaß.

Der Ur-PC war teuer, vordergrĂŒndig wenig leistungsfĂ€hig. Farbgrafik und Sound musste erst mit Erweiterungskarten nachgerĂŒstet werden und das ganze Paket brauchte viel Platz. Aber trotzdem hat dieses massive StĂŒck Computertechnik fĂŒr Sammler einen ungeheuren Reiz. Ich muss zugeben, dass ich gerne so einen IBM 5150 genannten Computer mit all seinen Komponenten besitzen möchte. Immer wieder tauchen diese bei eBay – zu Mondpreisen angeboten – auf.

Business-Kunden nahmen den PC gerne als neuen Standard an. Man brauchte Investitionsschutz fĂŒr teuer einzukaufende Hard- und Software und das garantierte der Computer-Riese IBM.

Und IBM startete eine der erfolgreichsten und bekanntesten Marketingkampagnen im Computerbereich. Charlie Chaplin – oder eher ein Double – zeigte dem Publikum, wie man mit einem IBM PC spielerisch umging.

Der Tramp verkauft IBM PCs – und zwar sehr erfolgreich

Der Spiegel schrieb 2011 einen Artikel ĂŒber den „ComputerverkĂ€ufer“ Charlie Chaplin, der die GenialitĂ€t der Marketingkampagne und den Erfolg am Markt aufzeigte (Link). Ich kann mich noch an die Anzeigen in den Magazinen erinnern – wohlgemerkt nicht unbedingt Computermagazine, weil dieses Bild von Charlie Chaplin vor einem Computer so auffĂ€llig war.

Die Geschichte des IBM PC, seine technischen Merkmale, seine Weiterentwicklung zum XT und AT, Grafikstandards CGA, EGA und VGA und vieles mehr findet man im Artikel von Peter Dassow aus dem Jahr 2016 auf der Webseite des VzEkC (Link). Sehr empfehlenswert zu lesen.

Clone erobern den Markt

Nach dem Erfolg von IBM wollten auch andere an den Marktanteilen des IBM PC knabbern. Clone wurden von neuen Anbietern wie Compaq auf den Markt gebracht. Sie erstellten ein zum IBM PC kompatibles BIOS und verbauten genauso wie IBM Hardwarekomponenten von der Stange. Dazu kam MS DOS und schon war der IBM PC-Clon fertig. Und diesen gab es dann fĂŒr einen Bruchteil des Preises, den IBM von seinen Kunden verlangte. Auch die 8bit- und 16bit-Homecomputer-Könige Atari und Commodore waren mit PC-Clonen dabei. Einen solchen europĂ€ischen Clone, der aber nicht voll kompatibel ist, habe ich von Apricot (Link).

IBM begegnete diesen Angriffen auf sein Markt-Monopol damit, dass sie die Architektur zweimal verbesserten. Sie brachten den IBM PC XT und den IBM PC AT heraus. Aber die Clone-Hersteller wurden immer mehr und schafften es tatsĂ€chlich mit Microsofts Hilfe, daß IBMs marktbeherrschende Stellung Ende der 80er Jahre vorbei war. Zu dem Zeitpunkt war fĂŒr viele Consumer, zum Beispiel viele Mitstudenten von mir, ein PC ein attraktiver Computer trotz der mittlerweile am Markt erfolgreichen 16bit Homecomputer (z.B. Commodore Amiga und Atari ST). Mein Studienkollege Ralf hatte damals einen PC von Escom in einem attraktiven schwarzen GehĂ€use. Er machte damit Packet Radio und schrieb Software fĂŒr dieses Hobby.

IBM brachte dann die PS/2 Reihe auf den Markt, die wieder wichtige neue Standards definierte. Der bis vor kurzem noch genutzte Maus- und Tastatur-Anschluss PS/2 gehörte genauso dazu wie 3,5“ Diskettenlaufwerke mit 1,44 MB KapazitĂ€t. Aber trotzdem hatte IBM gegen all die Clone-Hersteller verloren, da IBM mit der neuen Micro Channel Architektur nicht mehr IBM-kompatibel war. Sie waren nur einer von vielen, die sich den Markt teilten. Bekannt wurde IBM spĂ€ter nochmal durch die erfolgreiche Thinkpad-Reihe mit dem mechanischen Wunderwerk Thinkpad 701 (Link). Im Jahr 2004 hat IBM schließlich seine PC-Sparte an die chinesische Firma Lenovo verkauft, die das Thinkpad-Brand weiterpflegen.

Die Zeit von Wintel

Mit IBMs Abkehr vom AT-Bus (spĂ€ter ISA-Bus genannt) ĂŒbernahmen andere die Standardisierung. Dies waren vor allem Intel auf der Hardware-Seite mit seinen Prozessoren und Chipsets und Microsoft mit seinem Windows-Betriebssystem. Dieses Wintel-Monopol breitete sich auf dem PC Markt aus. Auf Prozessor-Ebene dominierten die Intel 8086-Nachfolger 80486, Pentium 1, 2, 3 und weitere Generationen. Zwar gab es mit AMD, Cyrix, VIA und Transmeta immer wieder Konkurrenten, aber nur AMD ist heute noch am Markt aktiv.

Auf der OS-Seite hat Microsoft mit Windows 95 (Link) einen Meilenstein veröffentlicht, der den Konkurrenten Apple fast vom Markt verdrĂ€ngt hĂ€tte. Digital Research von Gary Kildall musste schon viel frĂŒher aufgeben, da Microsoft die PC Hersteller und HĂ€ndler inzentivierte, nur Microsofts OS auf die PCs zu installieren. Mit Direct X brachte Microsoft eine Spieleschnittstelle fĂŒr Windows raus, die den Markterfolg der Wintel-Plattform bei den Gamern zementierte.

Die ComputerhĂ€ndler Vobis und Escom gehörten viele Jahre zu den erfolgreichsten Anbietern von PCs auf dem deutschen Markt. Die Design-PCs von Colani bei Vobis waren der Versuch nicht nur hĂ€ssliche Boxen herauszubringen. Schaut euch mal die „historischen“ Denkzettel von Vobis an (Link).

Erfolgreiche VersandhĂ€ndler wie Gateway 2000 und Dell dominierten die 90er-Jahre. Ab 1996 hatte zum Beispiel Dell den Vertrieb ĂŒber das Internet gestartet und hatte ein unglaubliches Wachstum. Ich arbeitete 1997 im Computerstudio der Deutschen Bank an der Königsallee in DĂŒsseldorf und damals war Dell der beste Wachstumswert, den die AktionĂ€re in der Bank uns immer wieder empfohlen haben.

Aber noch gĂŒnstiger wurde es mit den Discountern Aldi und Lidl. Die langen Schlangen vor den Filialen sind mir noch in Erinnerung, wenn mal wieder ein neuer gĂŒnstiger PC zu kaufen war. In dieser Zeit ist auch MEDION als Hersteller der Aldi-PCs groß geworden.

Egal welcher Formfaktor, PCs dominierten ab da als Desktop, Tower oder Laptops die Kinderzimmer oder HeimbĂŒros der Consumer.

Der PC wurde zu einem Alltagswerkzeug. Mit jeder neuen Hardware-Architektur von Intel oder Software-Release von Microsoft musste der leistungshungrige User in neues Equipment investieren. Besonders die Gamer bekamen mit immer neuen Grafikkarten und Funktionen wie 3D Anreize, um die neuesten Computerspiele spielen zu können. Das aufkommende Internet benötigte entweder Investments in externe Modems oder Netzwerkkarten. Ich erinnere mich noch an das Rechenzentrum der HHU UniversitĂ€t in DĂŒsseldorf, wo mehrere Dutzend PCs ĂŒbers Netzwerk verbunden waren. Statt zu studieren haben wir Doom und Netzwerkspiele gemeinsam und gegeneinander gespielt. Oder war das auch Teil des Mathematik-Studiums? Egal, mir persönlich hat es viel Spaß gemacht.

Die Grafikauflösungen wurden immer höher und ab dem Jahrtausendwechsel wurden die Röhrenmonitore durch Flachbildschirme ausgetauscht.

Auch Laptops wurden immer leistungsfĂ€higer, aber bei diesem GerĂ€tetyp gilt es immer die thermischen Probleme im Griff zu haben. Nie waren Laptops so leistungsfĂ€hig wie Desktops oder Tower. Dort konnte immer grosszĂŒgig gekĂŒhlt werden. Trotzdem wurden Laptops immer erfolgreicher und leistungsfĂ€higer, da es spezialisierte Mobil-Prozessoren gab. Ab den spĂ€ten 2000er-Jahren hatten die Laptops die anderen Formfaktoren bei den Verkaufszahlen ĂŒberholt.

Was macht eigentlich Apple?

Gerade in dieser Zeit kam ein anderer Konkurrent immer stĂ€rker auf und bedrohte die komfortable Marktdominanz der Wintel-Plattform. Wintel-PCs waren nie wirkliche DesignstĂŒcke, deshalb habe ich auch keine in meiner Sammlung. Es waren immer wieder rechteckige beige MetallgehĂ€use mit abgesetzter Standard-Tastatur. Oder Laptops in dicken GehĂ€usen mit allen möglichen Schnittstellen (Link). Und schwer waren sie.

Apple dagegen zeigte wie man schöne, elegante und schmale Computer in hochwertigen Aluminium-GehĂ€usen baute. Und ab 2005 passierte etwas, was Marktbeobachter als Hell freezes over bezeichneten: Apple kĂŒndigte die Migration vom Power PC zum Intel Core Duo Prozessor an. Über elf Jahre hatte Apple mit dem Power PC Prozessor gegen die Wintel-Allianz gekĂ€mpft und hatte aufgegeben. Intel hatte gewonnen und Intel hat Apple gerne als neuen Kunden begrĂŒĂŸt.

Damit war es unter anderem möglich auf jedem Apple-Computer ĂŒber Boot Camp ein Windows zu installieren. Damit war Wintel auf Apple Computern angekommen.

Aber Apple hatte mit seinem Mac OS X ein Alleinstellungsmerkmal und deshalb gab es nicht viele, die einen Apple-Computer in einen Windows-PC umwandelten. Apple brachte mit der neuen Intel-Power, vor allem aber mit den energiesparenden Mobil-Prozessoren kompakte und flache Designs wie das MacBook Air und den iMac auf den Markt. TatsĂ€chlich trieb Apple damit die Konkurrenten bei den PCs in die Ecke und so wurden Intel und Microsoft aktiv und veröffentlichten innerhalb kĂŒrzester Zeit mehrere Konzepte, die neue Arten von Wintel-PCs am Markt etablieren helfen sollten. Mit finanziellen Anreizen wurden die Hersteller von PCs gelockt, um diese Konzepte auf den Markt zu bringen und damit bei den Kunden wieder erfolgreich zu werden.

  • UMPC: der Ultra Mobile PC sollte ein vollwertiges Windows Betriebssystem auf einem kompakten GerĂ€t ermöglichen. Allerdings waren Mini-Tastaturen und Mini-Displays ĂŒberhaupt nicht geeignet, ein Full Size OS zu bedienen. Das Konzept war ein Rohrkrepierer. Aber es sind dabei nette GerĂ€te entstanden, von denen ich drei in meiner Sammlung habe. Ein Sony Vaio UX (Link), ein Sony Vaio P11Z (Link) und ein OQO2 (Link)
  • Subnotebooks: eine kompakte, leistungsfĂ€hige und sehr teure Version von Laptops. Es mussten nicht soviele Kompromisse wie beim UMPC-Konzept eingegangen werden und deshalb konnte man gut damit arbeiten. Ich habe so ein Sony Vaio Subnotebook in meiner Sammlung (Link)
  • Netbooks: sie konnten nichts besser als andere GerĂ€te. Sie waren einfach nur billig und gerade deswegen fĂŒr ein paar kurze Jahre ein Riesen-Erfolg. Der EEE PC von Asus war ein typisches Beispiel. Ein Kollege von mir hat ihn geliebt, weil man gĂŒnstig viele mobile Konzepte umsetzen konnte
  • Ultrabook: dies war die direkte Antwort auf das MacBook Air. Als Folge davon gab es dann auch im Wintel-Bereich flache und elegante Aluminium-GehĂ€use mit wenigen Schnittstellen. Ob das wirklich der richtige Fortschritt war?

Ausblick

Vor allem durch die Smartphones (ab 2007) und Tablets (ab 2010) litt der PC-Absatzmarkt sehr. PCs werden nur noch seltener durch neue GerÀte ausgetauscht.

Absatz von PCs weltweit von 2006 bis 2019 (Quelle: Statista)

Die Absatzzahlen haben sich allerdings auf einem mittleren Niveau eingespielt. AMD zeigt auf der X86-Plattform zur Zeit die beste Performance. Intel stagniert und schafft es nicht neue innovative Fortschritte zu zeigen. Weder bei den Strukturbreiten noch bei der Geschwindigkeit.

Microsoft hat im Jahr 2015 Windows 10 veröffentlicht und bringt jedes Jahr zwei neue Versionen auf den Markt.

Wintel funktioniert also weiterhin seit ĂŒber 25 Jahren. Aber mit Apple und seinem neuen M1 Prozessor zeigt sich eventuell eine neue Macht auf dem Prozessor-Markt. Es wird sich zeigen, ob ARM-Prozessoren in PCs die X86-Prozessoren von Intel und ARM verdrĂ€ngen können. Aber bis dahin ist noch ein weiter Weg.

BTW: in wenigen Monaten feiert die PC Plattform ihren vierzigsten Geburtstag. Happy Birthday IBM PC.

Allen von euch, die ein besonders sentimentales VerhĂ€ltnis zu der PC-Plattform haben, können sich ja mal in den Kommentaren Ă€ußern, was sie damals damit gemacht haben. Ich vermute, die meisten sagen Computerspiele, gefolgt von Office-Nutzung. Vielleicht sind ja viele dabei, die damals ein eigenes Business aufgebaut haben, z.B. Vermittlung von Computer-Trainings oder Softwareentwicklung. Ich bin sehr gespannt.

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