Digitales Leben – Fluch oder Segen?

Viele AblÀufe unseres Lebens sind digitalisiert worden. Dieser Trend wird sich nicht aufhalten lassen und wird durch den Begriff Digitalisierung treffend beschrieben.

Ziel der Digitalisierung

Ziel ist es vor allem die „administrativen“ AblĂ€ufe unseres Lebens zu beschleunigen oder uns abzunehmen, damit wir mehr Zeit fĂŒr „wichtige“ Aufgaben haben, die unsere persönliche Aufmerksamkeit benötigen. Das ist vor allem auch im Sinne von mehr Quality Time / Freizeit. GrundsĂ€tzlich ist das ein großartiges Ziel und verdient all unsere Anstrengungen und Aufmerksamkeit. Schon Steve Jobs hatte seine Entwickler auf diese Art zu Höchstleistungen motiviert, indem er Ihnen klarmachte, dass eine kleine Änderung fĂŒr Millionen Menschen in Summe eine große Zeitersparnis bedeutet.

Ich hatte bereits in einem Artikel im Jahr 2013 ĂŒberlegt, was alles in unserem Leben digitalisiert wird und welche Lebensbereiche sich durch die Digitalisierung verĂ€ndern. Erst vor wenigen Tagen habe ich diesen Artikel massiv ausgebaut, da sich in den letzten sechs Jahren doch vieles geĂ€ndert hat, oder ich bei der ersten Erstellung des Artikels noch keinen vollstĂ€ndigen Überblick hatte. Die Liste beinhaltet mittlerweile 50 EintrĂ€ge, kann meiner Meinung nach aber beliebig erweitert werden.

Ein großes Versprechen – oder was?

Quo vadis ?

Bild: https://henriettegoeskambodscha.wordpress.com/2016/06/11/fluch-und-segen-zugleich/

In diesem Artikel möchte ich eher untersuchen, ob sich die Digitalisierung fĂŒr uns lohnt, oder ob wir große Probleme damit erleben werden.

Wie ich schon in einem anderen Artikel formuliert habe, sind bereits viele Bereiche der Digitalisierung sichtbar, die eine Regulierung erfordern. Immerhin wird das Thema Digitalisierung vor allem von gewinnorientierten Firmen vorangetrieben. Und deren Interessen stehen natĂŒrlich im Vordergrund. So werden wir nicht als Kunden gesehen, sondern eher als Nutzer der digitalen Services, die diese Firmen uns zur VerfĂŒgung stellen.

Nicht Kunde, sondern nur Nutzer zu sein, ist ein feiner Unterschied, der betrachtet werden muß. Als Kunde ist man auch im Bereich des Digitalen Marktes der König. Aber Nutzer sind nicht die Kunden der Service Provider, sondern diejenigen, die fĂŒr den Großteil der neuen Umsatzquellen, wie z.B. Werbung und Nutzerdaten-Verwertung verantwortlich sind.

Ohne Regulierung wird mit unseren Nutzerdaten alles gemacht was möglich ist. Viel schlimmer noch, versucht man doch mehr Datenspuren der Nutzer zu bekommen. Immer mehr Sensoren (optisch, akustisch, Position, Gesundheit, Einkaufsgewohnheiten, Browserverlauf, etc.) erfassen uns als Mensch und versuchen uns fĂŒr die Kunden der Service Provider immer transparenter zu machen.

Der Nutzer als möglicher Kunde, oder als mögliches Ziel

Kunde oder mögliches Ziel – je nachdem, wie ein „BedarfstrĂ€ger“ uns sehen möchte. Der Begriff BedarfstrĂ€ger ist ein Begriff aus dem Deutschen und meint in den meisten FĂ€llen Behörden wie Finanzamt, Polizei, Geheimdienste etc. Aber man kann den Begriff auch weiter fassen und auf all diejenigen Firmen erweitern, die uns als potentielle Kunden oder als Ziel fĂŒr Maßnahmen ansehen und dafĂŒr mehr Informationen ĂŒber uns benötigen.

Und der Appetit nach unseren Daten ist gewaltig. DafĂŒr gibt es dann auch die Begriffe „Big Data“ und „KI“, die aus der Masse dieser Daten dann wertvolle Einblicke auf unsere Welt – und nicht nur auf den einzelnen Menschen – ermöglichen sollen.

Als Mitarbeiter eines IT-Dienstleisters begrĂŒĂŸe ich natĂŒrlich die Digitalisierung, da sie mir unendlich viele Möglichkeiten der beruflichen AusĂŒbung bietet. Außerdem bin ich damit groß geworden und fĂŒhle mich deshalb als Digital Native. Die neuen digitalen Konzepte umzusetzen und einzufĂŒhren sind große Herausforderungen, die ich als IT-Consultant gerne annehme. Aber natĂŒrlich sind mir auch die Gefahren der Digitalisierung sehr bewusst.

Gefahren der Digitalisierung

Und diese Gefahren sind hĂ€ufig wegen menschlicher Fehler ĂŒberhaupt erst entstanden. Fehler in Sicherheitsarchitekturen, Programmierfehler, Nutzerfehlverhalten, Social Engineering werden von Menschen missbraucht, um sich zu bereichern und anderen zu schaden. Alle digitalen Resourcen hĂ€ngen heute im Netz und können deshalb mit dem entsprechenden technischen Knowhow und Tools erreicht werden. Um diese Resourcen vor fremden Zugriff zu schĂŒtzen, sind sichere Mechanismen zu etablieren. Ein kompletter Schutz wird nie möglich sein. Man kann den unauthorisierten Zugriff allerdings erschweren.

Um fĂŒr die Nutzer elegante und schöne „User Experiences“ zu schaffen, werden natĂŒrlich die Zugangsmethoden zu den Services möglichst einfach gestaltet. Die wahre KomplexitĂ€t ist im Hintergrund fĂŒr den Nutzer nicht sichtbar. Single-Sign-On-Konzepte werden mit komplexer Sicherheitsarchitektur und Sicherheitszertifikaten abgesichert und erfordern eine konsequente Umsetzung durch alle beteiligten Parteien. Unsere Zugangsdaten im Netz sind stetigen Angriffen ausgesetzt und mĂŒssen deshalb geschĂŒtzt werden. Daß dies nicht einfach ist habe ich in einem speziellen Artikel zur Sicherheit unserer Zugangsdaten im Netz dokumentiert. Neueste Trends fĂŒhren weg von Passwörtern hin zu personalisierten „Geheimnissen“, die man mit sich trĂ€gt und die nicht auf den Servern der Dienstleister abgelegt sind.

Ist die Sicherheit unserer IdentitĂ€t gewahrt, dann können wir uns im Internet sicher bewegen und die Services in Anspruch nehmen, die unser Leben vereinfachen sollen und uns einen Mehrwert liefern. Aber diese Bewegung im Internet erlaubt auch die vollstĂ€ndige Verfolgung unserer digitalen Spuren und damit eine sehr viel höhere Transparenz unseres Selbst. PrivatsphĂ€re ist dann ein Fremdwort. In vielen FĂ€llen geben wir selbst unsere PrivatsphĂ€re freiwillig auf und teilen Ereignisse, Gedanken, Bilder und Videos von uns und unserem Leben in einer Weise, wie wir es frĂŒher nie getan hĂ€tten. Mit allen Konsequenzen, die wir uns heute noch nicht selbst ausmalen können.

Denn das Internet vergisst nicht. Jedes Jahr kommen immer grĂ¶ĂŸere SpeicherkapazitĂ€ten in den Rechenzentren dieser Welt hinzu. Alte Daten werden von veralteten Speichermedien auf neue kopiert. Die Daten werden archiviert und sind trotzdem fĂŒr Auswertungen jederzeit wieder abrufbar. Probleme im Lebenslauf können damit jederzeit einfach sichtbar gemacht werden und haben mit Sicherheit eine Auswirkung auf die weitere Lebensplanung. Jeder Mensch sollte eine zweite Chance im Leben bekommen und deshalb wird das Recht auf Vergessen im Internet seit lĂ€ngerer Zeit kontrovers diskutiert.

Chancen der Digitalisierung

Schnelligkeit und VerfĂŒgbarkeit

Einerseits profitieren wir alle von den Segnungen der Digitalisierung. Langlaufende manuelle Prozesse sind vielfach schneller geworden und sparen uns viel Zeit. Zugriffe auf digitale Prozesse und Inhalte sind auch außerhalb der Arbeitszeiten und Ladenöffnungszeiten möglich. Dies macht uns flexibler und wir können unsere Interessen besser ĂŒber den Tag verteilen.

Manchmal kommt es mir vor, daß wir die eingesparte Zeit stattdessen fĂŒr eine vielfĂ€ltigere Kommunikation mit lieben Menschen ĂŒber Grenzen hinweg und jederzeit nutzen. Wir konsumieren und erzeugen soziale Inhalte in einer GrĂ¶ĂŸenordnung, wie es frĂŒher nicht vorstellbar war.

Neue Jobs

Andererseits sind viele neue Jobs durch die Digitalisierung geschaffen worden. Da wir mehr konsumieren und erzeugen mĂŒssen natĂŒrlich Inhalte geschaffen und zugreifbar gemacht werden. Die IT-Industrie erlebt im Bereich der Cloud-Services und der Digitalisierung einen ungeahnten Boom. Die Großen IT-Dienstleister sind in ihren Prozessen vielfach zu langsam, um die schnellen BedarfsĂ€nderungen des Marktes adĂ€quat zu bedienen. Sie versuchen zwar ĂŒber Agile Konzepte dieser Nachfrage nachzukommen, aber es waren gerade die kleinen Dienstleister, die sich am Markt fĂŒr soziale Netzwerke neu positionierten und innerhalb kĂŒrzester Zeit liefern konnten.

Daraus ergab sich in den 2000er und 2010er-Jahren die Chance den Markt fĂŒr sich aufzuteilen. Firmen wie Google, Amazon, Microsoft, Apple, Facebook, Twitter und viele andere haben die Gunst der Stunde genutzt. Deren UmsĂ€tze sind in den letzten Jahren geradezu explodiert, wĂ€hrend die alten IT-Dienstleister Schwierigkeiten haben, ihre UmsĂ€tze zu erhalten.

Trotzdem wird den alten IT-Dienstleistern immer noch zugetraut, daß sie als etablierte Partner in der Lage sind, diese neuen Anbieter zu managen und zu liefern. Deshalb laufen noch immer viele Projekte ĂŒber Firmen wie HP, IBM, ATOS, DXC, Accenture, T-Systems, Tata.

Aber die wirklichen Services im Cloud-Umfeld werden von den neuen Internet-Konzernen wie Google, Amazon und Microsoft erbracht, die ihre eigene gewaltige Backoffice-Infrastruktur auch fĂŒr andere Kunden geöffnet haben und ihre Services auch fĂŒr diese Kunden erbringen. Sie sind mit ihren Offerings in vielen FĂ€llen sehr viel flexibler und nĂ€her am Consumer, als es die alten IT-Dienstleister sind.

Neue Services

Viele der digitalen Services sind nur automatische AblĂ€ufe von vorher manuellen AblĂ€ufen. In vielen FĂ€llen werden dadurch teilweise Jobs ĂŒberflĂŒssig. Ein schönes Beispiel sind ReisebĂŒros, die uns frĂŒher bei der Buchung von Reisen beraten haben und fĂŒr uns die Buchung durchgefĂŒhrt haben. An deren Stelle sind Reiseportale getreten, die uns bei der Buchung unterstĂŒtzen sollen.

Auch die Buchung von Taxis ĂŒber Aggregatoren wie Taxi-Apps sind nichts neues. Diese Apps ersetzen nur die Arbeit von Taxizentralen. Die Bewertung des Taxifahrers ĂŒber die App und die Lokalisierung des sich nĂ€hernden Taxis sind allerdings Mehrwertservices, die es vorher nicht gegeben hat.

Komplett neue digitale Services sind schwieriger zu identifizieren. Solche, die es vorher nicht gab und die nicht eine Digitalisierung von bestehenden AblÀufen darstellen.

Aggregatoren wie Airbnb, Lieferando und andere bauen einen zusĂ€tzlichen Frontend-Layer fĂŒr Nutzer von Services wie Zimmervermietung, Essensbestellung und andere auf. Sie ermöglichen damit eine grĂ¶ĂŸere Vielfalt im Angebot und eine Vereinheitlichung der administrativen Prozesse fĂŒr den Angebotsanbieter und den Nachfrager.

Faszinierend ist die Einfachheit mit der man heutzutage Cloud-Services provisionieren kann. WofĂŒr man frĂŒher mĂŒhsam eigene Internet-PrĂ€senzen aufbauen mußte, sind heute die grundlegenden Services wie Frontend und Backend, Konfiguration, Backup, Security in Minuten bestellt und bereitgestellt zur erstmaligen Verwendung. Und das mehrsprachig und weltweit. Fast beliebig skalierbar und erweiterbar. Dahinter stecken dann auch Bezahlmodelle, die ebenfalls beliebig skalierbar und erweiterbar sind.

Neue Regulierung

Die Übersetzung von ehemals manuellen AblĂ€ufen zu automatisierten AblĂ€ufen ist ĂŒber die Entwicklung und Implementierung von Algorithmen zu erreichen. Diese bilden das strukturiert nach, was vorher in der Kompetenz von einzelnen Mitarbeitern lag. Sehr hĂ€ufig werden zuerst die umsatzgenerierenden Teilprozesse abgebildet. Andere administrative Prozesse wie Stornierung, KĂŒndigung oder Reklamation werden mit niedriger PrioritĂ€t implementiert.

Im Bereich der Digitalisierung gelten nicht immer die bestehenden Rechte und Pflichten der analogen Welt, weil solche Prozesse sehr hĂ€ufig lĂ€nderĂŒbergreifend sein können und damit die rechtliche Grundlage nicht ausreichend geklĂ€rt ist. Viele der neuen digitalen Services sind nicht in den LĂ€ndern entstanden und werden nicht dort betrieben, wo sie konsumiert werden.

Deshalb ist es erforderlich auch fĂŒr die Digitale Welt Rechtssicherheit zu schaffen und Regeln des Miteinanders zu formulieren und diese dann auch weltweit einzufordern. Diese Regulierung ist eine große Herausforderung der Zukunft. Es wird sich noch zeigen mĂŒssen, was durch Regulierung eingeschrĂ€nkt werden muß, damit das Individuum und seine Rechte geschĂŒtzt werden. Auch die Pflichten der Dienstleister sind deutlich herauszuarbeiten. Hier ist ein gesellschaftlicher Diskurs erforderlich.

Verlierer der Digitalisierung

Neben den Gewinnern durch die EinfĂŒhrung der neuen digitalen Services gibt es auch Verlierer, die wir nicht vergessen dĂŒrfen.

Retail-Handel

Der komfortable Zugang zum grĂ¶ĂŸten Markt der Welt – dem Online-Markt im Internet – mit HĂ€ndlern wie Amazon, fĂŒhrt dazu, daß wir zu einem großen Prozentsatz unsere EinkĂ€ufe Online tĂ€tigen. Wir gehen zwar noch gerne in die InnenstĂ€dte, um uns Produkte bei den EinzelhĂ€ndlern vor Ort anzuschauen, sie in die HĂ€nde zu nehmen, aber dann letztendlich Online zu bestellen und auf die Lieferung nach Hause zu warten.

Das ist unfair gegenĂŒber dem Einzelhandel, der schließlich LadenflĂ€che, Verkaufspersonal und natĂŒrlich auch Produkte bereit hĂ€lt und letztendlich mit seiner Laufkundschaft Umsatz erwirtschaften will. In vielen FĂ€llen halten EinzelhĂ€ndler aber auch keine große Auswahl an Produkten mehr vor. Das ist wiederum natĂŒrlich ein Fehler des EinzelhĂ€nders, weil er damit fĂŒr Laufkundschaft wenig attraktiv ist. Diese LĂ€den bieten heutzutage auch die Möglichkeit, daß man ĂŒber sie bestellen kann. Ich persönlich sehe aber hier keinen Mehrwert fĂŒr mich. Das kann ich auch von meinen Online-Devices selbst machen.

Die Zukunftsperspektive sind InnenstĂ€dte ohne LĂ€den. Es sei denn, der Einzelhandel findet Möglichkeiten, seinen Standort-Vorteil gegenĂŒber dem Online-Handel zu nutzen. Bars, Cafes und Restaurants werden mit Sicherheit ihren Platz gegenĂŒber dem Online-Handel verteidigen können.

Ältere nicht-technik-affine Menschen

Immer mehr Services verlangen, daß man eine eigene digitale Infrastruktur bereithĂ€lt. Sei es ein Computer, ein Smartphone oder ein Tablet. Und natĂŒrlich auch eigene Accounts bei den unterschiedlichen Services.

Viele Ă€ltere nicht-technik-affine Menschen schrecken davor zurĂŒck, bzw. sind der Meinung, daß sie auch weiterhin ihre Ansprechpartner bei den immer und ewig genutzten Services haben werden. In vielen FĂ€llen ist das auch so, wie z.B. bei Ämtern und bei Banken.

In Ämtern kann man natĂŒrlich auch weiterhin stĂ€dtische Leistungen wie z.B. die Beantragung einer beglaubigten Kopie der Geburtsurkunde, von einem Mitarbeiter vor Ort bekommen. Aber diese Leistung zĂ€hlt in vielen FĂ€llen auch schon zu den sogenannten Commodities, die nicht mehr von stĂ€dtischen Mitarbeitern erbracht werden mĂŒssen, sondern nur noch online beantragt werden können.

Bei Banken erhĂ€lt man auch weiterhin seine KontoauszĂŒge vom Bank-Betreuer ausgehĂ€ndigt, oder am Kontoauszugsdrucker der Bank. In vielen FĂ€llen berechnen die Banken fĂŒr den Ausdruck (und den Versand) empfindliche GebĂŒhren, um die Leute dazu zu zwingen, daß sie in Zukunft ihren Kontostand online abfragen.

Es wird mit Sicherheit die Situation eintreten, daß ein solcher Ă€lterer Mensch auf einmal damit konfrontiert wird einen digitalen Service zu nutzen. Seit Jahrzehnten gibt es Schulungen fĂŒr Ă€ltere Menschen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen wollen. FĂŒr all diejenigen, die es nicht machen wollen, wird es dann Digitale TreuhĂ€nder geben mĂŒssen, die die Accounts dieser Menschen in deren Sinn verwalten mĂŒssen. Das können die eigenen Verwandten sein, Ämter oder Institute (wie z.B. Altersheime), oder aber AnwĂ€lte, Notare oder andere Berufsgruppen, die diese Rolle ĂŒbernehmen.

Manager und Arbeitnehmer, die allzeit bereit sein mĂŒssen/sollen/wollen

Allzeit bereit, allzeit verfĂŒgbar sein. Der Traum eines jeden Arbeitgebers. Statt einer starren Arbeitszeitregel („nine to five“) sind die Arbeitnehmer, egal ob Manager oder einfache Angestellte rund um die Uhr fĂŒr Anfragen erreichbar.

Erfahrungen zeigen, daß dies nur ein freiwilliges Angebot eines Arbeitnehmers sein kann. Es darf nicht als allgemeine Verpflichtung angesehen werden, jederzeit erreichbar sein zu mĂŒssen. Viele große Konzerne rudern mittlerweile zurĂŒck und gestehen ihren Mitarbeitern auch Nichterreichbarkeit als Mitarbeiterrecht zu.

Ich persönlich sehe es manchmal als hilfreich an, die geschĂ€ftlichen Emails auch außerhalb der Arbeitszeit zu ĂŒberfliegen, um einen Überblick zu erhalten und mich auf den Arbeitstag vorzubereiten.

Andererseits sind natĂŒrlich auch flexiblere Arbeitsmodelle daraus entstanden. Blogger, die jederzeit ihre Artikel erstellen und veröffentlichen können (so wie ich). Follow-the-sun-Verarbeitung durch Mitarbeiter, die in unterschiedlichen Zeitzonen arbeiten und damit dafĂŒr sorgen können, daß GeschĂ€ftsvorfĂ€lle schneller bearbeitet werden können.

Fernsehsender mit ihren starren ProgrammplÀnen

Ein speziell fĂŒr mich interessanter Sachverhalt ist, daß unser Kulturprodukt Fernsehen einer der Verlierer der Digitalisierung ist. Viele Menschen orientieren sich nicht mehr an den starren ProgrammplĂ€nen der Fernsehsender, sondern konsumieren ihre bevorzugten Inhalte eher flexibel und on demand ĂŒber das Internet. Dem können sich die Fernsehsender nicht verschließen und bieten ihre Inhalte mittlerweile auch ĂŒber Mediatheken kostenpflichtig an. Ich persönlich werde nĂ€chstes Jahr auf Fernsehangebot im klassischen Format verzichten und nur noch auf Online-Angebote zurĂŒckgreifen.

Wir alle als Verlierer?

Wir werden mit immer mehr Informationen und Inhalten ĂŒberschwemmt, die uns ĂŒberfordern. Es wird immer schwerer die Wahrheit von den LĂŒgen zu unterscheiden. Einerseits können wir auf alle Informationen zugreifen. Aber vielfach sind die Informationen, die uns wirklich interessieren, nicht einfach zu finden, weil sie in der Masse der anderen Informationen untergehen. Auch sind die Suchalgorithmen, die uns Ergebnisse auf unsere Anfragen prĂ€sentieren, noch zu schlecht, als daß sie uns das zeigen wĂŒrden, was wir sehen wollen.

DarĂŒber hinaus verbringen wir so hĂ€ufig Zeit mit den sozialen Medien, daß wir in vielen FĂ€llen auch wieder die gewonnene Zeit verschwenden, die wir durch die Nutzung digitaler Services gewonnen haben. Jeder muß fĂŒr sich den optimalen Mix an sozialen Medien bestimmen. Ich erlebe mittlerweile hĂ€ufig, daß ich mir sehr genau ĂŒberlegen muss, wie ich eine soziale Nachricht positionieren will:

  • als Email ĂŒber eine meiner drei privaten Email-Adressen,
  • als SMS oder Apple-Nachricht,
  • als Whats App-Nachricht,
  • als Facebook Story,
  • als Facebook Timeline-Eintrag,
  • als Instagram Story,
  • als Instagram Timeline-Eintrag,
  • als Threema-Nachricht,
  • als Pinterest-Eintrag,
  • als Twitter-Tweet,
  • als Tumblr-Blogeintrag,
  • als WordPress-Blogeintrag,
  • als Xing-Beitrag,
  • als LinkedIn-Beitrag,
  • oder als Kombination von einigen der o.g. Services.

Ich habe zum Beispiel ganz bewußt auf die Nutzung des Facebook Communicators als zusĂ€tzlichen Kommunikationsweg verzichtet.

Fazit

Wie ĂŒberall, wo wir mit Wandel konfrontiert werden, erleben wir die Segnungen und die Probleme dieses Wandels. Die Digitalisierung fĂŒhrt zu unglaublich vielen Änderungen in unserem Leben. Die Digitalisierung ist nicht mehr rĂŒckgĂ€ngig zu machen. DafĂŒr gibt es einfach zu viele positive Auswirkungen. Unsere Gesellschaft versucht natĂŒrlich diesen Wandel sozialvertrĂ€glicher zu machen, hinkt aber weit hinterher und versucht langsam aufzuholen.

Gesetze und neue Strukturen versuchen die Auswirkungen der Digitalisierung zu kontrollieren und einzugrenzen. Aber im Grunde ist die Digitalisierung eine großartige Spielwiese, wo wir uns alle austoben können und viel Spaß haben können.

Wir können nicht verhindern, daß es immer Menschen geben wird, die sich Vorteile verschaffen wollen – und das hĂ€ufig zum Schaden der Gesellschaft oder einzelner Menschen. Das war immer so. Aber auch darauf hat die Gesellschaft immer Antworten gehabt und hat versucht das Fehlverhalten zu korrigieren.

Wir sollten grundsĂ€tzlich die Möglichkeiten begrĂŒĂŸen, die sich uns eröffnen. Und deshalb freue ich mich auf die zukĂŒnftigen Errungenschaften der Digitalisierung. Wenn ich mir was wĂŒnschen könnte, dann wĂ€re es auf jeden Fall das „Beamen“ von einem Ort zum nĂ€chsten. Und ja – einen Replikator hĂ€tte ich auch gerne. Bitte mit Hochdruck dran arbeiten.

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