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Microsoft Windows 11 – äh, warum bitte?

Microsoft hat uns belogen. Es gibt doch ein Windows nach Windows 10. Es heißt Windows 11, aber warum ist es kein weiteres Feature Update?

Wer kennt noch nicht Panos Paney? Ich habe hohen Respekt vor diesem Typen. Er ist wirklich eine Marke. Ich habe ihn erstmals kennengelernt, als er die Surface Books vorstellte. Es fiel auf, daß er im Gegensatz zu den anderen Microsoft Präsentatoren wirklich cool seine Texte rüberbrachte. Man nahm ihm wirklich ab, daß er geile Produkte präsentieren konnte, die besser als die Konkurrenz waren. Zum Beispiel auch die von Apple. Und jetzt stellt er Windows 11 vor, aber warum bitte?

All die anderen Microsoft-Präsentatoren sind nicht mehr zu sehen. Panos Paney hat nun die Möglichkeit erhalten der zentrale Präsentator für die Windows 11-Ankündigung zu sein. Er ist der Chief Product Officer.

Windows 11 Ankündigung

Mir fällt zuerst an ihm auf, daß er müde wirkt und der rechte Funke der Begeisterung nicht so richtig rüberspringen mag. Er wirkt älter und seine Stimme hört sich teilweise brüchig an. Aber man merkt ihm an, daß er immer noch in der Lage ist, Sätze natürlich rüberzubringen. Er ist wirklich ein geborener Präsentator. Ein cooler Grieche/Zypriote.

Und dann erzählt er mehrere Minuten über sein Haus und seine Familie, um dann eine Parallele zu Windows aufzuzeigen. Es soll sich wie etwas vertrautes anfühlen. Es soll sich emotional anfühlen. Das Windows von Morgen.

Meine Güte, was für eine Rede. Und dann nennt er wirklich Windows 11.

Windows 11, warum?

Ich kann mich noch erinnern, als Microsoft uns klar machen wollte, daß Windows 10 die letzte Betriebssystem Version von Microsoft ist. Microsoft ist 2015 angetreten und hat offiziell verkündet, daß es nach Windows 10 kein weiteres Windows geben wird. Stattdessen würde man einen neuen Releasezyklus einführen, der regelmäßige Feature-Updates herausbringt. Jedes dieser Feature-Updates stellt im Grunde eine neue Windows-Version, oder eines der früheren Windows Service Packs dar.

Diesen herausfordernden Releasezyklus hat Microsoft über die letzten Jahre nicht immer zuverlässig eingehalten. Die IT-Serviceindustrie hat dieses neue Verfahren vor Herausforderungen gestellt. Die Kunden wollten sehr häufig die Migration von Windows 7 oder 8 auf Windows 10 kostenlos haben. Die Migrationspfade waren sehr einfach. Die Kunden wollten auch nicht wahrnehmen, daß die regelmäßigen Feature-Updates bedeuteten, daß sie ihre eigene Software regelmäßig auf Kompatibilität zum Betriebssystem testen müssen. Dies bedeutete ein komplett neues Mindset für alle am OS-Rollout beteiligten Parteien.

Und jetzt kommt Windows 11 raus? Woran mag das liegen? Vielleicht daran, daß Apple im letzten Jahr nach 20 Jahren von seinem OS X auf macOS 11 weitergegangen ist? Wie lächerlich wäre das denn?

Und wenn man die ersten optischen Merkmale von Windows 11 sieht dann fühlt man sich an allen Ecken an macOS erinnert. Fenster mit abgerundeten Ecken (ein typisches Mac Merkmal), ein zentrales Dock und auch der Windows Button ist nicht mehr in der linken unteren Ecke.

Warum sollen wir uns auf Windows 11 freuen?

Erstens wegen des schöneren User Interface. Alles ist verfeinert und abgerundet. Zweitens soll es schneller sein. Und drittens soll es auch sicherer sein. Aber warum haben sie uns das nicht als neuen Semi Annual Channel verkauft? Vielleicht weil sie durch ihre kontinuierlichen Releasezyklen keine solche Produktpräsentation mehr veranstalten konnten? Apple zelebriert fast jedes Jahr eine neue macOS-Version auf seiner WWDC und die Entwickler und die Weltpresse sind gespannt.

Bei Microsoft gibt es das Windows Insider Programm, wo man zuerst die neue OS-Version installieren darf. Oder muß, denn die Windows Insider bringen erst die Qualität in die Software. Erst dann wird die neue Windows Version auf die Rechner der breiten Masse installiert. Microsoft nennt diese stufenweise Verteilung Service Channels. Früher wurden diese Services Channels als Current Branch und Current Branch for Business bezeichnet. Mittlerweile heißen sie Semi Annual Channel (targeted) und Semi Annual Channel.

Windows Updates sind jetzt 40% kleiner und laufen im Hintergrund. Aber Panos Paney läßt nicht nur die technischen Features sprechen, sondern man soll erleben, wie es sich anfühlt.

Hatte Microsoft recht mit der Touchbedienung seines Desktop-OS?

Was in der Produkt-Präsentation von Windows 11 auffällt ist, daß die Touchbedienung von Windows mittlerweile eine Normalität ist. Eine Normalität, die Apple nicht mit seinem macOS bieten kann. Ich persönlich schätze es auch, wenn ich mit meinem iPad Pro sowohl die Tastatur, das Touchpad als auch den Touchscreen nutze. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß ich jemals beim arbeiten wie selbstverständlich den Cursor mit dem Finger am Screen positioniere. Oder den Bildschirm scrolle. Zugegeben, der Bildschirm ist sehr mit Fingerabdrücken übersäht.

Schon 2014 habe ich die Frage gestellt, ob Microsoft mit seinem Desktop Windows für alle Plattformen recht hat. Also ein vollständiges Desktop OS auch auf Tablets. Damals ist Microsoft mit Windows 8 einen mutigen Schritt nach vorne gegangen und hat versucht Apples Vorsprung mit dem iPad aufzuholen. Heute stellt sich raus, daß Microsoft mit seinem Touchscreen-Windows besser auf die Zukunft ausgerichtet ist. Apple versucht das iPadOS mehr Mac-like zu machen. Und das macOS lernt immer mehr von seinem Tablet-Bruder. Aber es sind zwei völlig unterschiedliche Plattformen. Microsoft muß nur eine Plattform pflegen. Und auch die Anbieter von professioneller Software müssen nicht auch eine Version für Tablets bauen.

Snap Layouts

Microsoft ist tatsächlich besser was die Verteilung der Arbeitsfenster auf dem Screen angeht. Apple hat zwar aufgeholt. Aber gerade beim iPad Pro stelle ich immer wieder fest, daß hier noch viel zu tun ist, um die richtigen Fenster auf dem Screen zu verteilen.

Und mit Snap Groups werden Gruppen von angeordneten Arbeitsfenstern gemerkt und sind jederzeit wieder aufrufbar. Aber da muß man sagen, daß dies Apple immer hatte. Ich fahre am Abend meinen Apple runter und am nächsten Tag startet er wieder in genau den Zustand zurück, den ich verlassen habe. Da spielt Microsoft nur ein Aufholspiel.

Desktops werden jetzt auch bei Windows 11 intensiver beworben. Dies war bei Windows 10 auch schon möglich. Aber man hat es als Windows User nicht so intuitiv angewandt wie Apple mit seinen Vollbild-Anwendungen. Auch bei Linux ist das kalter Kaffee.

Team Integration in Windows

Wieder sehr emotional führt Panos Panay in die Gründe ein, warum man Teams in das OS tief eingebaut hat. Aber Teams ist eine Business-Plattform und fühlt sich nicht so einfach an, wie es Zoom oder Facetime sind. Selbst Skype wirkte da persönlicher. Ob dieser Zug richtig ist? Wahrscheinlich schon, denn in Pandemie-Zeiten ist eine einfache Kommunikationsplattform mit vielen Möglichkeiten wichtig. Vor allem, wenn sie schon eingebaut ist. Aber plattformübergreifende Lösungen wie Zoom haben es wahrscheinlich einfacher bei der Masse der Consumer.

Windows Widgets

Auch die Widgets werden als Innovation verkauft. Neu fühlt sich das alles nicht an. Vor allem, wenn man das schon früher auf Windows hatte und macOS dies auch hat. Bei macOS kommen die Widgets von rechts in Bild. Bei Windows von links. Auch Gesten sind nichts neues. Aber es ist wieder ein Zeichen dafür, daß Windows ein Touch-OS ist. Beim macOS werden die Gesten über das Touchpad gemacht. Außerdem ist ein Stift als zusätzliches Eingabegerät möglich. Beim macOS muß man den Mac mit einem iPad verbinden und dann kann man mit dem Pencil auch in macOS-Fenstern Notizen erstellen.

Die Betriebssysteme nähern sich immer mehr an. Alleinstellungsmerkmale gibt es nur noch selten, wie den Touchscreen bei Windows.

Spiele mit Xbox Game Pass

Apple hat Arcade. Aber Microsoft ist mit seinem Xbox Game Pass weit vorne. Das kann man nicht so ohne weiteres aufholen. Vor allem da Microsoft auch immer mehr Game Publisher wie Bethesda aufkauft. Auch Mojang mit seinem Spiel Minecraft wurde 2014 für viele Milliarden Dollar aufgekauft.

Microsoft hat mit Windows 11 auch ein paar Features wie Auto HDR und Direct Storage API vorgestellt. Sie sollen das Spielen auf der Windows Plattform noch attraktiver und schneller gestalten.

Und zum Schluß legt Panos Paney nochmal den Finger in die Wunde. Der Windows App Store sei für Entwickler völlig kostenlos. Apple kämpft ja zur Zeit darum, seine Gebühren für den App Store zu verteidigen. Sie argumentieren, daß dies ja marktübliche Gebühren seien. Und dann kommt Microsoft daher und sagt: nein. Apple hat schon die Vermutung geäußert, daß Microsoft hinter der Klage von Epic Games steckt. Jedenfalls muss Microsoft etwas versuchen, da der Windows App Store nicht so gut genutzt wird und so weit in das System integriert ist wie der Mac App Store.

Windows 11 – warum?

Alles was wir in der Präsentation gesehen habe erklärt wirklich nicht, warum Microsoft ein neues Windows 11 präsentieren muss. Außer daß ein genialer Produktpräsentator wie Panos Paney eine wirklich coole und emotionale Vorstellung bringen kann, die mich persönlich begeistert. Aber nicht wegen des Produktes, sondern wegen seiner Persönlichkeit und seiner Art Informationen emotional rüberzubringen. Das ist hohe Kunst.

Microsoft hätte wirklich ein neues Feature Update herausbringen können, mit allem was wir heute gesehen haben. Es ist nichts dabei, was eine Abkehr vom bisherigen Windows 10 Releasemodell benötigt hätte. Vielleicht ist es ja wirklich so, wie ich bereits oben schon vermutet habe: sie wollten mal wieder eine große Produktpräsentation machen, so wie Apple es jedes Jahr auf seiner WWDC macht. Und die Versionsnummer 10 ist seit macOS 11 auch veraltet.

Willkommen, Windows 11. Werden wir Windows 12 im nächsten Jahr begrüßen dürfen? Oder überspringen sie diese mal wieder wie bei der Nummer 9, um mit Apple mithalten zu können?

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