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General Magic und Pocket Crystal – eine Vision für die Zukunft

Lesedauer: 15 Minuten General Magic war die wichtigste Firma im Silicon Valley anfangs der 90er Jahre, die keiner kannte. Auch ich nicht. Das wollte ich ändern.

Kurz nach meinem Besuch im Centre for Computing History in Cambridge im Juni 2022 besuchte ich meinen Freund Daniel in Richmond. Er empfahl mir, ich müsse unbedingt einen Film über General Magic anschauen. Ich wusste mit diesem Begriff nichts anzufangen. Meine Neugierde war jedoch geweckt und meine ersten Recherchen brachten mich auf ein Zitat des früheren Apple CEO John Sculley.

General Magic is „the most important company to come out of Silicon Valley that no one has ever heard of.”

Apple CEO John Sculley

Eine wichtige Firma aus dem Silicon Valley von der ich noch nichts gehört habe? Die aber als Mitgründer die Namen Bill Atkinson und Andy Hertzfeld gelistet hat? Meine absoluten Superstars aus der Apple Macintosh Entstehungsgeschichte? Wie konnte es sein, dass ich noch nicht von General Magic gehört habe?

Zwei der drei Gründer von General Magic
Zwei der drei Gründer von General Magic (Quelle: General Magic Movie)

Danach habe ich aber nicht weiter recherchiert und auch nicht den Film zu General Magic geschaut. Erst als ich für meinen Beitrag zum Buch Defying Gravity – The Making of Newton Unterlagen gesichtet habe, bin ich wieder auf General Magic gestoßen.

Was war General Magic?

General Magic war ein IT-Unternehmen, was Dr. Marc Porat, Bill Atkinson und Andy Hertzfeld im Jahr 1990 gründeten. Während die Namen Bill Atkinson und Andy Hertzfeld einen Klang wie Donnerhall in der IT-Industrie hatten, war mir Dr. Marc Porat noch nicht bekannt.

Wer ist Marc Porat?

Marc Porat heute
Marc Porat heute (Quelle: General Magic Movie)

Marc Porat kam 1988 zu Apple. Sein Werdegang bis zu diesem Zeitpunkt ist schon sehr interessant. Er ist Autor des Buches und des Films The Information Society.

Und er trat bei Apple mit der Aussage an, dass die Zukunft von Apple Computer nicht Computer sind. Man sollte meinen, dass er sich innerhalb Apple mit einer solchen Aussage nicht viele Freunde gemacht hat.

Er brachte allerdings eine Vision eines Produktes aus der Zukunft mit, die er 1989 in seinem Roten Buch auf vielen Seiten ausgearbeitet hatte. Ein persönliches Kommunikationsgerät, was kompakt und hochintegriert jedem Menschen das Leben erleichtern sollte.

“This is a very personal object. It must be beautiful. It must offer the kind of personal satisfaction that a fine piece of jewelry brings. It will have a perceived value even when it’s not being used. It should offer the comfort of a touchstone, the tactile satisfaction of a seashell, the enchantment of a crystal.”

Marc Porat beschreibt seine Vision

Im Grunde war damit die Vision eines Smartphones beschrieben, was erst mit dem iPhone Realität werden sollte. Marc Porat war so davon überzeugt, dass er dem damaligen Apple CEO John Sculley diese Vision präsentierte. Auch einen Namen gab es dafür: Pocket Crystal war die Bezeichnung für die Vision von Marc Porat.

Pocket Crystal – ein passender Name für die Vision eines Smartphones

John Sculley war für diese Vision aufgeschlossen. Er war aus dem Kampf mit Steve Jobs als Sieger hervorgegangen. Er hatte das Bedürfnis nun selbst die Rolle des Visionärs bei Apple übernehmen zu wollen. Dazu beschrieb er 1987 in seinem Buch Odyssey seine Vision eines Knowledge Navigators. Sie wurde in einem Video mit dem Titel The Knowledge Navigator: Technologies to Get Us There and Beyond präsentiert. Wir können es in einem kurzen Werbefilm sehen.

John Sculley forderte Marc Porat auf seine Vision eines Pocket Crystals den Mitgliedern des Apple Aufsichtsrates zu präsentieren und deren Rückmeldungen einzusammeln. Und so tourte er mit dieser Idee durch das Land und konnte viele Aufsichtsratsmitglieder überzeugen. Marc Porat konnte sehr überzeugend sein, was das Wall Street Journal dazu brachte ihn als „Silver tongued devil“ zu bezeichnen.

Das Inhaltsverzeichnis des Roten Buches von Marc Porat
Das Inhaltsverzeichnis des Roten Buches von Marc Porat (Quelle: General Magic Movie)

Mit dieser positiven Rückmeldung erhielt Marc Porat die Erlaubnis von John Sculley und Jean-Louis Gassée dieses Thema unter dem Projektcode Paradigm innerhalb Apples weiterzutreiben. Obwohl es mit dem Newton-Projekt bereits ein weiteres strategisches Projekt eines neuen Produktes gab, was in eine ähnliche Richtung gehen sollte. Der Unterschied war lediglich die Größe. Der Newton sollte damals noch ein Laptop-großes Kommunikationsgerät werden.

Die Überzeugungskraft von Marc Porat und die Unterstützung von John Sculley brachte viele talentierte und kreative Apple-Mitarbeiter dazu, in dieses geheime neue Projekt einzusteigen. Einer der wichtigsten war Bill Atkinson, der seinen Freund Andy Hertzfeld auch dafür begeistern konnte.

Gründung von General Magic

Das Rote Buch von Marc Porat war dick wie ein Telefonbuch. Auf hunderten Seiten wurde ein klar umrissenes und verführerisch überzeugendes Bild von etwas gezeichnet, was wir heute als Smartphone bezeichnen würden. Mit diesem Buch rannte er offene Türen bei seinen zwei wichtigsten Mitstreitern innerhalb Apples ein. Bill Atkinson und Andy Hertzfeld entwickelten schnell aus der Vision einen Prototypen in Software. Es basierte auf Bill Atkinsons genialem HyperCard-System und Andy Hertzfelds Mac Interface. Die verwendeten Grafiken wurden von Susan Kare beigesteuert.

Marc Porat zeigt seine Vision des Pocket Crystal in seinem Roten Buch
Marc Porat zeigt seine Vision des Pocket Crystal in seinem Roten Buch (Quelle: General Magic Movie)

Da innerhalb Apples nicht genügend Momentum aufgebaut werden konnte, um neben dem Newton auch Pocket Crystal zu entwickeln, wurde das Projekt Paradigm als Management-Spinoff unter dem Namen General Magic ausgegründet. Dies war im Mai 1990.

Andy Hertzfeld fragte Steve Jobs um Rat was er von der Idee von Marc Porat hält und ob er dieses Risiko eingehen soll. Steve Jobs hatte mit Marc Porat ein Gespräch und danach teilte er Andy folgendes mit:

“This is great. It’s a winner. Stay at it.”

Steve Jobs (Quelle: Interview von Danielle Newnham mit Marc Porat)

Gründer wurden so Marc Porat, Bill Atkinson und Andy Hertzfeld. Viele weitere Apple-Mitarbeiter folgten in diese neue Firma. Apple war mit einem Anteil von 10% beteiligt und John Sculley war Mitglied des Aufsichtsrates von General Magic. Außerdem waren die ersten Partner von General Magic, Sony und Motorola, auch jeweils mit 10% beteiligt. General Magic behielt die restlichen 70%.

Folgendes Mission Statement wurde bei der Gründung von General Magic erstellt.

We have a dream of improving the lives of many millions of people by means of small, intimate life support systems that people carry with them everywhere. These systems will help people to organize their lives, to communicate with other people, and to access information of all kinds. They will be simple to use, and come in a wide range of models to fit every budget, need, and taste. They will change the way people live and communicate.

Mission Statement von General Magic

Die ersten Jahre von General Magic

Diese Zeit wird im General Magic Movie als unglaublich kreativ und inspirierend für alle Beteiligten beschrieben. Die Strahlkraft der Mac-Legenden Bill Atkinson und Andy Hertzfeld brachte viele neue Mitarbeiter dazu, ihre sicheren Jobs in anderen Firmen aufzugeben und bei General Magic anzufangen. Talentierte Anfänger wie Tony Fadell, der später für die Hardware-Entwicklung des iPod und des iPhone verantwortlich war, wollten dabei sein. Sie wollten unbedingt Teil der Vision werden, die im Roten Buch festgeschrieben war.

Bill und Andy waren für die Umsetzung dieser Vision verantwortlich. Marc Porat verkaufte die Vision an Partner aus der Telekommunikations- und Consumer Electronics-Industrie, die sich finanziell und personell einbringen sollten. Er machte das so gut, dass bis zum Jahr 1994 die General Magic Alliance auf 16 Partner angewachsen war. Darunter waren neben Sony und Motorola auch Matsushita, Philips, Cable & Wireless, France Telecom, NTT, Northern Telecom, Toshiba, Oki, Sanyo, Mitsubishi und Fujitsu. Jeder der Gründungspartner investierte 6 Million Dollar in das Unternehmen und benannte einen Top-Manager zur Teilnahme am „Founding Partner’s Council.”

Mit dieser finanziellen Ausstattung war es möglich, dass die Kreativen und Produktiven innerhalb General Magic ihre Ideen und Konzepte entwickeln konnten, um die Vision in ein Produkt umzusetzen. Es war ein fast universitäres Umfeld ohne Zeit- und Gelddruck, in dem das Betriebssystem Magic Cap und die Programmiersprache Telescript entstehen konnten. Cap war ein Akronym für Communicating Applications Platform. Telescript Programme waren im Grunde Agenten mit eigenem Programmcode, die durch ein Netzwerk wanderten und spezielle Aufgaben übernahmen.

Newton wird angekündigt

Michael Tchao und Steve Capps präsentieren den Newton auf der CES Las Vegas 1993
Michael Tchao und Steve Capps präsentieren den Newton auf der CES Las Vegas 1993 (Quelle: Doug Menuez)

Als John Sculley im Januar 1992 für viele überraschend den Newton als ein kompaktes Kommunikationsgerät mit Handschriftenerkennung ankündigte, war es vorbei mit der universitären Ruhe bei General Magic. Der Partner Apple wollte ein Produkt herausbringen, was genau in die Richtung der Pocket Crystal Vision von General Magic ging. Apples Vision eines PDA ging sogar weiter, da Handschriftenerkennung nicht auf dem Pflichtenheft von General Magic stand.

Allen Marktteilnehmern war klar, dass ein solches Produkt zum Weihnachtsgeschäft 1992 verfügbar sein musste. Die Gründer von General Magic fühlten sich von Apple betrogen. Sie waren der Überzeugung, dass Apple ihre Ideen gestohlen und in ein eigenes Produkt übernommen hatte.

Richtig dürfte eher sein, dass die beiden Gruppen nicht viel voneinander wussten. Wie ich in meinem Beitrag zum Buch Defying Gravity – The Making of Newton herausgefunden habe, war das Newton-Team aus Marketinggründen selbst darauf gekommen ein kompaktes Kommunikationsgerät zu entwickeln. Nun arbeiteten beide Teams auf ein ähnliches Produktziel hin.

Für Bill Atkinson, Andy Hertzfeld und ihr Team bedeutete das nun, dass sie liefern mussten. Andy Hertzfeld brach mit seinem Freund Steve Capps, der Chefentwickler des Newton-Teams war. Es wurde Tag und Nacht daran gearbeitet den Pocket Crystal marktreif zu machen.

General Magic Logo - Ein Hase kommt aus einem Zylinder
General Magic Logo – Ein Hase kommt aus einem Zylinder (Quelle: General Magic Movie)

Die Partner der General Magic Alliance übten nun verstärkten Druck auf Marc Porat aus und wollten Ergebnisse sehen. Schließlich wollte jeder vor Apple mit seinen Produkten auf den Markt kommen. Der Autor S.A. Applin beschreibt in seinem Artikel General Magic Movie: Tales from the Silicon Valley Vault, dass das General Magic Logo eines Hasens, der aus einem Zylinder rausschaut, folgendem Eindruck auf ihn gemacht hat.

Throughout the film, I imagined Marc Porat as the main Magician, creating continued illusions for investors to buy time, and General Magic employees as the rabbits wanting to come out of the hat, but getting distracted in their creative vulnerabilities, which kept them indefinitely working and waiting because they didn’t feel they were “ready” to ship.

Zitat von S. A. Applin

General Magic muss liefern

Die nun folgende Zeit ist spannend in dem General Magic Movie beschrieben. Interessant ist, dass soviel Filmmaterial seit den Anfangstagen des Unternehmens vorhanden ist. Als Betrachter dieses Filmes erhält man einen Einblick in das tägliche (und manchmal auch nächtliche) Arbeitsleben dieser Menschen. Viele der Apple Mitarbeiter, die den Macintosh in langen Arbeitsschichten zur Produktreife gebracht haben, waren auf einmal gezwungen, diese Herkulesaufgabe mit Pocket Crystal wieder zu leisten. Einige ältere Mitarbeiter waren dazu aber nicht mehr bereit, wie zum Beispiel Bill Atkinson.

Wo Steve Jobs beim Macintosh mit seiner Vision und seinem Managementstil das Ziel eines marktfähigen Produktes erreicht hatte, gelang es Marc Porat mit Pocket Crystal nicht. Sie hatten zwar beide eine starke Vision, konnten andere damit begeistern und die Mitarbeiter zu Kraftanstrengungen führen. Steve Jobs sorgte aber dafür, dass die kreativen Ergebnisse immer an seiner Vision orientiert waren. Alles andere, was nicht diesem Ziel diente wurde unterbunden. Bei General Magic entwickelten die kreativen Magier unkontrolliert in alle Richtungen und konzentrierten sich nicht auf das Wesentliche: ein auslieferbares Produkt. Zum Beispiel Andy Hertzfelds detaillierte Animationen von graphischen Objekten innerhalb des Betriebssystems Magic Cap.

Magic Cap Demo auf der Mac World am 1.6.1994 (Quelle: Andy Hertzfeld, YouTube)

Auch mussten die Partner und ihre Produkte und Services koordiniert werden. AT&T entwickelte damals parallel seine PersonaLink Services, die die Käufer von Pocket Crystal als geschlossenes Netzwerk für die Kommunikation nutzen sollten. AT&T war aber nicht begeistert darüber, dass Telescript „Agenten“ unkontrolliert durch ihr Netzwerk wandern sollten. Das muss man sich heute vorstellen: ein geschlossenes Netzwerk zu einem Zeitpunkt, zu dem sich das Internet immer schneller ausbreitete! Interessanterweise wurde damals der Begriff Cloud für diese Kommunikationsnetze geprägt.

AT&T PersonaLink Services aka The Cloud und Telescript von General Magic (Quelle: David Hoffman, YouTube)

Die Bedienung von Magic Cap

Die Oberfläche der Magic Cap Geräte war voll mit Skeuomorphismen, Metaphern aus dem wahren Leben. Die Ästhetik der Oberfläche war eher einfach nach heutigen Maßstäben. Die damaligen Touchscreens ließen noch nicht Farben und viele Details zu. Ein Raum mit einem Schreibtisch enthielt alle möglichen Objekte wie Notizbuch, Kalender und Adressbuch. Wenn man die anklickte öffnete sich die dazugehörige Anwendung. Die Telescript-Agenten konnten in eine Nachricht an einen Freund eingebunden werden, um in dessen Adressbuch alle Zahnarzt-Kontakte zu finden und in das eigene Adressbuch zu übernehmen.

Oberfläche von Magic Cap
Oberfläche von Magic Cap

Man konnte den Raum verlassen und in einem Flur in weitere Räume des Hauses eintreten. Wenn man das eigene Haus verließ, dann konnte man auf der Straße andere Häuser erreichen (Downtown). Zum Beispiel das AT&T-Gebäude, über das man sich in AT&Ts PersonaLink Services einwählen konnte.

Zum Einkaufen von Produkten ging man in andere Gebäude und konnte dort entweder einkaufen, sich mit anderen Personen treffen, Musik hören, Informationen abrufen und spielen.

Kevin Lynch - heute Apple VP for Technology
Kevin Lynch – heute Apple VP for Technology (Quelle: General Magic Movie)

Die Idee mit Downtown kam übrigens von einem jungen Mitarbeiter namens Kevin Lynch, der heute bei Apple VP für Technologie ist und auch die Apple Watch verantwortet. Ein nettes Konzept, wobei ich persönlich froh bin, dass wir heute nicht dieses User Interface einsetzen.

General Magic liefert …

Der Apple Newton kam im August 1993 auf den Markt. General Magic hatte keinen Pocket Crystal fertig. Statt eines wunderschönen Produktes gab es erst ein Jahr später zwei eher nüchtern gestaltete Produkte der Partner Sony und Motorola.

Das Sony Magic Link PIC-1000 und das Motorola Envoy waren rechteckige Geräte in einem Kunststoffgehäuse mit resistivem Touchscreen und wurden über einen Stift bedient. Mit dem (analogen) Telekommunikations-Netzwerk verband man sich über ein Telefonkabel. Auf den Geräten lief das Betriebssystem Magic Cap von General Magic. Über Telescript Programme sollten die Geräte miteinander über das Netzwerk kommunizieren.

Sony Magic Link wird unter den General Magic Mitarbeitern verteilt
Sony Magic Link wird unter den General Magic Mitarbeitern verteilt (Quelle: General Magic Movie)

Die Presse feiert die Herausforderung vor der General Magic stand und auch die Leistung und den Beitrag von Bill Atkinson und Andy Hertzfeld.

… und die Kunden bleiben aus

Die Magic Cap Geräte kamen erst spät im Jahr 1994 auf den Markt und damit viel zu spät. Zu diesem Zeitpunkt war schon klar, dass weder die Kunden noch die neuen wegweisenden PDA- und Kommunikationsprodukte bereit füreinander waren. Die Kunden konnten mit der eingeschränkten Funktionalität wenig anfangen. Vor allem, da die Telescript-Server zu diesem Zeitpunkt bei den Telekommunikationspartnern noch nicht vorhanden waren und die Kommunikation zwischen den Geräten damit nicht möglich war.

Viele konnten nach der ersten Ernüchterung durch den Newton nichts mit dem neuen Produkt anfangen. Zur Zeit der Veröffentlichung der Magic Cap Geräte gab es weltweit nur 13 Millionen Internet-Nutzer. Es gab nur ein Mobiltelefon pro 100 Menschen auf der Erde. Mobiltelefone funkten in den USA noch analog, und nicht digital wie in Europa. Der digitale GSM-Standard wurde schon Anfang der 90er Jahre in Europa eingeführt.

Außerdem verwendeten die Mobiltelefon-Nutzer diese Geräte nur für Telefonie und nicht für andere Zwecke. Dafür waren die Bandbreiten einfach zu schlecht. Das Modem im Sony Magic Link PIC-1000 unterstützte nur 2400 Baud. Die erste SMS-Nachricht wurde erst zwei Jahre vorher versandt.

Das Ende von General Magic

Der General Magic Movie zeigt ab 59:45 symbolisch einen leeren Parkplatz eines Elektronikmarktes als dramatisches Zeichen für den totalen Misserfolg beim Zielpublikum. Während wenige Augenblicke vorher das Management und die Mitarbeiter den Launch von Sonys Magic Link feiern, wird in der nächsten Szene untermalt mit trauriger Musik klar, dass dieses visionäre Produkt auf dem Markt nicht angenommen wurde.

Die Stückzahlen waren frustrierend niedrig. Marc Porat musste sich überall für den Misserfolg rechtfertigen. Er bekräftigte immer wieder, dass er an Produkte wie Smartphones und Smartpager glaubte und wiederholte: „It takes time! It takes time!”

Die Moral dieses hochkarätigen Team war gebrochen. Das Team brach auseinander. Im Herbst 1996 war General Magic nur noch eine leere Hülle, ohne Vision und ohne ein marktfähiges Produkt.

Nicht nur General Magic hatte Probleme. Auch Apple und John Sculley, der zu diesem Zeitpunkt nicht mehr CEO von Apple war, litten unter dem Misserfolg des Newton am Markt. Er beschreibt, dass er über 15 Jahre brauchte, um sich davon zu erholen. Ebenso erging es Marc Porat. Seine Ehe ist während dieser Zeit gescheitert. Er hat bis zur Erstellung des Filmes diesen Misserfolg verdrängt. Mit diesem Film stellte er sich erstmals den Fragen der Autoren dieses Filmes und verarbeitet dadurch diese traumatische Phase seines Lebens.

Warum ist General Magic gescheitert?

Die Vision war richtig, wie unsere Smartphones es heute zeigen. Zwei ehemalige Mitarbeiter von General Magic waren an der Entwicklung der heute dominierenden Smartphone-Plattformen beteiligt. Tony Fadell als Hardware-Verantwortlicher für das iPhone und Andy Rubin am Betriebssystem der Android-Plattform.

Megan Smith erläutert die Technik hinter Pocket Crystal
Megan Smith erläutert die Technik hinter Pocket Crystal (Quelle: General Magic Movie)

Viele weitere ehemalige Mitarbeiter von General Magic haben in einflussreichen Führungsrollen in der IT-Industrie die technischen Grundlagen für die heutigen Internet-Services geschaffen. Die Hardware-Spezialistin Megan Smith wurde später unter Obama die erste weibliche CTO der USA.

Aber Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrtausends war dies alles noch nicht vorhanden. Auch weitere wichtige Komponenten wie Litium-Ionen Akkus gab es noch nicht. Stromsparende und leistungsfähige Prozessoren wie der ARM-Prozessor sind damals erst neu entstanden. Hochauflösende Farbdisplays mit kapazitiver Multitouch-Oberfläche kamen erst mit dem iPhone. Und was am wichtigsten ist: Netzwerk-Connectivity mit hohen Datenvolumenverträgen und schneller Datenübertragung hat sich erst in den letzten zwanzig Jahren entwickelt.

Heute ist diese Vision umgesetzt, die General Magic mit Pocket Crystal und Apple mit seinem Newton angedacht hatten. Diese Ideen waren ihrer Zeit voraus und leider nur Umsetzungen mit den damaligen technischen Möglichkeiten. General Magic ist vor allem daran gescheitert, dass sie ihre ersten Produkte erst so lange nach dem Newton herausgebracht haben.

Heute hat man gelernt, dass man mit werthaltigen Ergebnissen schnell auf den Markt kommen sollte. Agile Ansätze wenden heutzutage Firmen wie Apple an, um jedes Jahr ein neues iPhone mit kleinen Weiterentwicklungen auf den Markt zu bringen. Das iPhone, wie wir es heute kennen ist in 15 Jahren sehr ausgereift. Aber die erste Version im Jahr 2007 hatte noch kein 3G, besaß eine unterdurchschnittliche Kamera und eine Nachricht konnte man nicht an mehrere Personen gleichzeitig verschicken. All dies ist erst in weiteren Überarbeitungen geliefert worden. Zum Beispiel sind Apps von anderen Entwicklern erst ein Jahr nach Veröffentlichung des iPhones möglich geworden.

Fazit

Ganz offensichtlich ist General Magic gescheitert. Nachträglich betrachtet, sind von den Mitarbeitern aus den Teams von General Magic und Apples Newton soviele Ideen und grundlegende Technologien geschaffen worden, die wir heute wie selbstverständlich nutzen. Die Magie von Gestern ist heute technologischer Standard geworden. Vor allem haben die Menschen gelernt, wie man diese neuen Technologien im Alltag verwendet. Deshalb ist das folgende Zitat völlig richtig.

“The reason you should care about the story of General Magic is that it involves something fundamental and that is: Failure isn’t the end, failure is actually the beginning… Did it fail? I mean, the company itself failed. The ideas didn’t fail. The people who worked there didn’t fail. So was it a failure?”

Tom Hershenson

Trotzdem ist diese Firma und seine Geschichte eine gute Möglichkeit aus ihren Fehlern zu lernen. Dies wurde in einer guten Analyse von Extensis gemacht. Darunter ist dann auch ein Punkt, dass es ohne Projektmanager doch nicht geht, die sich um die organisatorischen Aspekte eines solchen Projektes kümmern. Absolut lesenswert und lernenswert.

Joanna Hoffman und Andy Hertzfeld im Moscone Center, wo das iPhone vorgestellt wurde
Joanna Hoffman und Andy Hertzfeld im Moscone Center, wo das iPhone vorgestellt wurde (Quelle: General Magic Movie)

Mit dem General Magic Movie trafen sich viele der damaligen Magier nach langer Zeit erstmals wieder. Viele Erinnerungen wurden wach. Auch Andy Hertzfeld kann wieder mit Steve Capps sprechen.

Ein herzliches Dankeschön an Daniel, der mir diesen Film empfohlen hat. Eine großartig erzählte Geschichte mit tollen Bilder und tollen Menschen.

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