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Wie man großartige Apps zerstört – am Beispiel GoPro Quik

Go Pro hat eine seiner kostenlosen Apps zerstört - Quik ist nicht länger so nutzbar, wie ich sie lieben lernte und auch jedem empfehlen konnte.

Eine App unterliegt immer einem Wandel. Als Benutzer läßt man sich auf eine App ein, wenn sie für den persönlichen Workflow großartige Funktionalitäten und einen Mehrwert liefert. Als Entwickler pflegt man die App und hört seinen Nutzern zu, wie sie diese App nutzen. Immer wieder kommt es allerdings vor, daß Apps zerstört werden – hier nun Quik.

Quik hatte als kostenlose App von GoPro immer ein ganz besonderes Alleinstellungsmerkmal. Die Live Fotos von Apple konnten genutzt werden, um interessante Filme daraus zu erstellen. Ich war begeistert von dem Feature und habe es ganz intensiv genutzt. Selbst Apple war nicht in der Lage, dieses Feature in seiner Fotos App so großartig zu nutzen wie GoPros alte Quik App das ermöglichte.

Es gab zwar einige Einschränkungen mit der Quik App, aber die konnte man ertragen, da die App kostenlos war.

  1. Dies waren ein Limit von bis zu 200 Bildern und Videos, die man für einen Film auswählen konnte.
  2. Die Länge der erstellten Filme wurde vom ausgewählten Song vorgegeben. Wenn man also etwas längere Filme produzieren wollte, dann mußte man tricksen. Entweder wählte man einen langen Song aus. Oder man produzierte zwei kürzere Filme und schnitt sie danach wieder zusammen.

Egal: man erhielt einfach wunderschöne Filme mit tollen Übergängen. Das Besondere waren die Live-Fotos, die die Filme wirklich zum Leben erweckten. Und dieses Feature soll in einer neueren Version nicht mehr verfügbar sein?

GoPro bringt eine neue Quik-App raus

Auftritt GoPro. Wie jede Firma hat sie natürlich den Bedarf nach einträglichen Produkten. Die Quik App war ein natürlicher Kandidat. Sie ist ein kostenloses Produkt. Nicht nur GoPro-Kamera User nutzten sie. Auch solche User, die einfach nur Fotos und Videos von ihren Smartphones zu einem Film verarbeiten wollten. In meinem Fall ist mir die Quik App aufgefallen, weil sie mit Live Fotos so unglaublich schöne Videos produzieren half. Und ich habe sie in einem meiner Beiträge auch beworben und ein How to use the Quik App geschrieben.

GoPro entschied sich die App zu überarbeiten, ein paar zusätzlich neue interessante Features zu liefern und dann auch noch Premium-Features, die nur über ein monatliches Abo nutzbar wären. Im Grunde ist das nachvollziehbar. Ich wäre als Kunde auch völlig zufrieden gewesen, wenn die Premium-Features einen soliden Mehrwert geliefert hätten. Was ist aber wirklich passiert?

Was sie nun auf ihrer Webseite vorstellen hört sich grundsätzlich erstmal gut an. Es sollen automatisch erstellbare Highlight-Videos innerhalb weniger Sekunden möglich sein. Auch die Oberfläche sieht ähnlich aus wie bei der alten Quik App. Es sieht aber moderner aus. Es gibt auch das Versprechen nach voller Kontrolle mit intuitiven und effektvollen Bearbeitungstools.

Aber: GoPro hat die Funktionalitäten dieser App massiv beschnitten. Dies merkt man allerdings erst, wenn man die App antestet. Hier eine kleine Übersicht der Einschränkungen, die mir innerhalb der ersten 5 Minuten Nutzung von GoPro Quik aufgefallen sind.

Keine Live Fotos mehr?

Wie kann das sein? DAS Alleinstellungsmerkmal ist nicht mehr verfügbar? GoPro hat daraufhin im Supportforum viele überraschte Anfragen von Usern erhalten. Diese fragten sich genau wie ich, warum dieses Feature nicht mehr möglich ist. Die GoPro-Vertreter in diesem Forum teilten mit, daß man sich bemühen würde das Feature auf die Roadmap zu setzen und zu einem späteren Zeitpunkt nachzuliefern.

Außerdem boten sie als Workaround an, daß man ja jedes Live-Foto auch einzeln als Film abspeichern könnte. Die GoPro-Entwickler wissen anscheinend nicht, wie die meisten ihrer User diese Live Fotos nutzen und was Live Fotos ausmachen im Leben ihrer Nutzer. Auch kannten sie anscheinend nicht den Wert dieser Funktionalität, die bereits in der alten App verfügbar war.

Nur bis 75 Bilder und Videos nutzbar?

Eine weitere Einschränkung, die so nicht in der alten Quik App bestand. Dort lag die Einschränkung auf 200 Bilder und Videos, die man für einen Quik Film verwenden durfte. Selbst diese Einschränkung war meiner Meinung nach nicht notwendig. Und jetzt wird diese Anzahl sogar nochmals maximal reduziert? Die Macher bei GoPro gingen anscheinend nicht davon raus, daß viele Fotos anstelle von Videos in den Film eingebunden werden. Wieder ein Nachweis dafür, daß die Entwickler nicht wußten, was ihre Quik App wirklich herausragend machte.

Fokus kann nicht mehr gesetzt werden?

Dies war eine wichtige Funktion speziell für Fotos, die im Porträtmodus waren. Wenn man sicherstellen wollte, daß die richtigen Partien des Bildes gezeigt wurden, dann mußte man den Fokus manuell setzen können. Das ging mit dem alten Quik. Im neuen Quik finde ich diese Funktion nicht mehr.

Tablet nur im Porträt-Modus bedienbar?

Das Tablet ist ein Arbeitsgerät. Und produktive Apps wie Quik sollten natürlich auch den Landscape-Modus unterstützen. Das tat die alte Quik App auch. Die neue kann das nicht mehr. Ich müßte also mein iPad Pro von der Tastatur entkoppeln und hochkant in die Hand nehmen. Warum diese Einschränkung? Die Entwickler wollten sich das Leben anscheinend einfach machen und haben ein wesentliches Nutzungsszenario gleich ausgeschlossen.

Was ist hier passiert?

Die vier beschriebenen Funktionseinschränkungen lassen darauf schließen, daß das ursprüngliche Entwicklerteam nicht mehr an dieser neuen Version beteiligt war. Ein anderes Team wurde anscheinend beauftragt, diese Überarbeitung zu machen und die neuen Premium-Funktionen und vor allem die Monetarisierung einzubauen.

So wird die alte Quik-App kaputt gemacht. Alle paar Minuten kommt dieses Popup-Fenster
Popup-Fenster in der alten Quik App

Ich persönlich muß sagen, daß ich fast verzweifelt war, als ich die neue Version installiert hatte und die Funktionseinschränkungen wahrgenommen habe. Meistens ist es ja so, daß die alte Version ersatzlos überschrieben wird. Das war glücklicherweise nicht der Fall. Die alte Version ist unter dem App-Namen Quik noch vorhanden, während die neue GoPro Quik heißt. Aber die Bedienung der alten Quik App wird erschwert, weil alle paar Minuten ein Popup kommt, was die neue App bewirbt und den Workflow stört. Außerdem wird die Quik App nicht mehr weiterentwickelt. Wer weiß, ob diese noch mit der nächsten iOS-Version zuverlässig weiterläuft?

Darüberhinaus ist die Performance dieser neuen App schlecht. Die Auswahl der Bilder und Videos aus der Foto-Datenbank läuft ruckelig und flackernd ab. Wie kann das auf einem Spitzenprodukt wie einem iPhone 11 Pro max möglich sein? Auf dem iPad Pro (4. Generation) werden nicht mal die Bilder und Videos zuverlässig geladen und angezeigt.

Auch die Bedienung fühlt sich falsch an. Das Tutorial verwirrt eher. Der einfache Einstieg bei der alten Quik App ist nicht mehr möglich. Diese neue App wirkt unlogisch und schlecht gestaltet.

Ein Beispiel, was an der neuen Quik App alles falsch ist

Um aufzeigen zu können, was meiner Meinung nach falsch an der neuen Quik App ist, habe ich ein kleines Beispielvideo erstellt. Es besteht nur aus sieben Live Fotos. Einige sind im Porträtformat. Diese habe ich in beiden Apps mit demselben Thema versehen und dieselbe Musik ausgewählt. Darüberhinaus habe ich dieselben Einstellungen angewandt, soweit sie verfügbar waren. Den Fokus habe ich bei den Porträtbildern im alten Quik gesetzt.

Der Film in der alten Quik App

Die Original-Quik App

Die Original-Quik App liefert das komplette Live Fotomaterial. So muß es sein.

Der Film in der neuen GoPro Quik App

Die neue GoPro Quik App

Keines der benutzten Live Fotos wird von der GoPro Quik App richtig genutzt. Das in den Live Fotos enthaltene Film-Material wird nicht für bewegte Sequenzen verwendet, wie es die alte Quik App tut. Heraus kommt eine langweilige Diashow. So wurden früher Bilder nacheinander abgespielt. Und GoPro hat das Alleinstellungsmerkmal mit dieser neuen App entfernt. Was haben sie sich bloß dabei gedacht?

Andere Beispiele von Apps, die zerstört wurden wie Quik

Penultimate ist ein weiteres Beispiel. Nach der Übernahme durch Evernote wurde die App komplett neu gestaltet, und in das Evernote-Produktportfolio übernommen. Die App war danach nicht mehr so benutzbar, wie ich sie vorher im persönlichen Workflow eingesetzt hatte. Genauso wie bei Quik kam es zu einem Aufschrei der Nutzer.

Im Gegensatz zu Quik wurde allerdings die alte Version von Penultimate durch die neue Version ersetzt. Es gab keinen Weg mehr zurück. Nur diejenigen, die noch in iTunes eine Installationsdatei des alten Penultimates gefunden haben, konnten diese Version wieder installieren.

Aber auch da war das Problem, daß diese Version nicht weiter unterstützt wurde. Und damit bestand auch da die Gefahr, daß diese Version mit dem nächsten iOS-Update nicht weiter nutzbar sein würde.

Ein weiteres Beispiel ist von Apple selbst. Apple hatte in den iOS-Versionen seiner iPhoto-App eine gute Journal-Funktion. Daraus konnte man wunderschöne Fototapeten erstellen und gestalten. Das Anreichern mit interessanten Widgets war auch möglich. Zum Beispiel konnte man die Temperatur und das Wetter an dem Ort und zur Zeit des Bildes anzeigen lassen. Und diese Fototapeten konnte man als Weblink zur Verfügung stellen.

Ich habe diese Funktion kreativ genutzt und habe meine Urlaubserinnerungen damit aufbereitet. Auch mein jährlicher Jahresüberblick ist so entstanden, den ich mit meinen Freunden geteilt habe.

Dieses Feature hat Apple dann abgekündigt. Wahrscheinlich war ich nur einer von wenigen, die dieses Feature wirklich intensiv genutzt hatten.

Fazit

Enttäuschungen dieser Art wird man immer erleben. Man würde ja gerne sagen, daß das Bessere der Feind des Guten ist. Leider gab es bei all den oben beschriebenen Fällen kein besseres Produkt.

  • Apples Journal habe ich nie wieder bei einer anderen Lösung gefunden, obwohl ich es gerne wieder nutzen würde.
  • Es gibt viele andere Apps, mit denen man auf einem iPad komfortabel schreiben kann. Aber es gab keine andere App, die genauso wie Penultimate meinen Worflow unterstützt hat.
  • Und auch Quik in seiner alten Form ist einmalig. Andere Lösungen mit diesen Stärken und dieser Einfachheit sind nicht am Markt. Und GoPro hat nichts Vergleichbares und schon gar nicht was Besseres auf den Markt gebracht.

Es ist schade, wenn man als User keine Lösung für die Unterstützung eines persönlichen Workflows mehr findet. Dies ist nicht nur bei Apps der Fall, sondern auch in vielen anderen Lebenssituationen. Man bekommt nicht mehr seine kosmetischen Produkte. Zeitschriften werden eingestellt, die einem viel bedeuteten. Und Nahrungsmittelprodukte verschwinden einfach aus den Regalen der Supermärkte. C‘est la vie 🙁

Oder sollte man sich beschweren? Bei Penultimate sieht es fast so aus, daß nach mehreren Jahren viele der alten Funktionalitäten wieder verfügbar sind. Ich könnte meinen Workflow damit wieder unterstützen. Der Beschwerdeweg ist immer möglich. Aber ob er erfolgreich sein wird steht in den Sternen.

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