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Hey Mr Apple Be – oder: Grateful Geek, ein Buch von Jean-Louis Gassée

Lesedauer: 20 MinutenJean-Louis Gassée und sein Buch Grateful Geek sind der Schlüssel zum Verständnis der Apple-Jahre nach Steve Jobs Rausschmiss.

Wer erinnert sich noch an Jean-Louis Gassée? Mir wurde der Name das erste Mal bekannt, als ich von der Geschichte hörte, dass Apple 1997 nur überleben konnte, wenn sie ein neues Betriebssystem einkauften. All ihre Projekte ein eigenes neues Betriebssystem zu schaffen waren gescheitert. Windows 95 war Mac OS überlegen. Apple plante deshalb sein veraltetes Mac Betriebssystem auf eine neue Basis zu stellen und die Firma Be und sein BeOS zu kaufen. Jean-Louis Gassée war Mitbegründer der Firma Be. Und nach einer intensiveren Beschäftigung mit seinem Buch Grateful Geek lernte ich, dass er zwischen 1985 bis 1991 für die Weiterentwicklung des Apple Macintosh zuständig war. Der Name Gassée war bei Apple also sehr bekannt, als man ihn und seine Firma Be kontaktierte. Leider wurde es nichts mit Apple Be, weil Steve Jobs einen entscheidenden Sales Pitch landete und sein Betriebssystem NeXTStep erfolgreich bei Apple platzierte.

Apples CEO Gil Amelio sagte Gassée ab und überbrachte Steve Jobs die frohe Botschaft. Außer dem Intellectual Property von NeXT kam sein gesamtes Team und auch Steve Jobs selbst wieder an Bord bei Apple. Wie dies ablief habe ich bereits in meiner Buchbesprechung On the firing line des damaligen Apple CEO Gil Amelio im Detail beschrieben.

Nun habe ich ein weiteres Buch mit Lebenserinnerungen für diesen Beitrag verarbeitet. Jean-Louis Gassée gab seinem Werk den Namen Grateful Geek und er beschreibt darin sein privates und berufliches Leben. Ich habe mir erhofft von Mr Apple Be himself zu erfahren, wie seine Zeit bei Apple war, und wie er die Ereignisse um Apples Entscheidung entweder für Be oder NeXT wahrgenommen und verarbeitet hat. Es ist diesmal ein Hörbuch, da ich leider nicht das eBook oder ein gedrucktes Exemplar erhalten konnte.

Grateful Geek

Grateful Geek ist der Titel des Hörbuches mit den Lebenserinnerungen von Jean-Louis Gassée. Von seinen Mitarbeitern bei Apple wurde er auch JLG genannt. Parallel zum Hörbuch habe ich viele Videos auf YouTube gesehen, wo er auch dieselben Stories in Interviews erzählte, die er dann in seinem Buch verarbeitet hat.

Grateful Geek von Jean-Louis Gassée (Quelle: mercisf.com)
Grateful Geek von Jean-Louis Gassée (Quelle: mercisf.com)

Jean-Louis Gassée war kein Ingenieur. Er zeigte immer Begeisterung für Technik, aber er war mehr in Vertriebs- und Logistik-Managementpositionen tätig. Ein technischer Geek war er und die Abfolge der Firmen, bei denen er gearbeitet hat beweist das auch. Er verbrachte glückliche Jahre bei HP und hat dort die erfolgreichen HP Rechenmaschinen in Europa vertrieben. Danach hat er die französische Niederlassung von Data General wieder erfolgreich gemacht. Exxon Information Systems hat ihn eingestellt, weil man Computertechnik als neuen Wachstumsmarkt gesehen hat. Aber die Kultur eines Öl-Multis passte nicht auf das Geschäftsmodell einer IT-Organisation. So nahm er mit Freude das Angebot von Apple im Jahr 1981 an, in Frankreich eine Vertriebs- und Logistikorganisation für Apple Computer aufzubauen.

Die Apple-Jahre

Gassée fing 1981 an als der Apple II auf seinem Höhepunkt war. Sein erster Auftritt mit Nadelstreifenanzug in Cupertino war ein Kulturschock auf beiden Seiten. Bei dieser Gelegenheit lernte JLG den Apple-Mitgründer Steve Jobs erstmals persönlich kennen und musste sich entsprechende Kommentare über sein Auftreten anhören. Ausserdem trug er am linken Ohr einen Ohrstecker mit Diamant. How fancy 😉. Übrigens versteigerte er diesen später für einen guten Zweck und Bill Gates war der erfolgreiche Bieter.

Schon zu diesem Zeitpunkt merkte Gassée, dass er nicht mit Steve Jobs zusammenarbeiten wollte.

JLG baute in Frankreich eine erfolgreiche Vertriebs- und Logistikorganisation auf und schaffte es Apple als Marke positiv in Frankreich und seiner Kultur zu verankern. Frankreich wurde dadurch zum zweitstärksten Markt für Apple nach den USA. Im Jahr 1984 zur Veröffentlichung des Macintoshs organisierte er mit seinem französischen Management Team eine große Veranstaltung im Stil einer TV Show. Der Macintosh wurde ein Erfolg, auch durch staatliche Förderprogramme für den Bildungsbereich. Gassées Spitzname war König von Frankreich.

Gassée in Cupertino

Dieser Erfolg von Apple in Frankreich brachte ihn nach Cupertino. Ein Schritt, den er angestrebt hat, seit er bei einem Besuch in einer HP Fabrik in Colorado Amerika kennen und lieben gelernt hat.

Aber in den USA verkaufte sich der Macintosh nur schleppend. Mit 128KB RAM (ab September 1984 mit 512KB RAM) und ohne Massenspeicher wie einer Festplatte hatte der Mac gegen die IBM PC und PC Kompatiblen keine Chance. Auch wurde erfolgreiche PC-Software wie Lotus 1-2-3 nicht auf den Mac portiert. Gassée erlebte, wie Steve Jobs das Macintosh Office als Konzept vorstellte, um den Macintosh für Business Kunden attraktiver zu machen. Daraus ist später das erfolgreiche Desktop Publishing Business auf dem Macintosh entstanden. Aber andere Komponenten aus dem Macintosh Office wie der Apple Fileserver wurden nicht Wirklichkeit.

Steve Jobs überwarf sich mit Apple CEO John Sculley, weil der Macintosh nicht so erfolgreich im Jahr 1984 war, wie von Steve Jobs vorhergesagt. Vor die Wahl gestellt, Jobs oder Sculley, entschied sich das Board für Sculley. Jobs war raus und dies vor allem deswegen, weil Gassée seinen CEO John Sculley über die Absichten von Steve Jobs frühzeitig informierte. In der Folge übernahm JLG die Rolle Head of Product Management.

Head of Product Management

In seinem Buch beschrieb er die Herausforderungen, vor die er gestellt wurde, als er von der Rolle eines europäischen Vertriebs- und Logistik-Managers in die Rolle eines Vorgesetzten der Apple Ingenieursabteilungen überging. Er musste mit Hilfe von HR einige Lektionen im Umgang mit den Ingenieuren lernen. Zum Schluß ließ er den Ingenieuren weitgehend freie Hand, um Projektideen zu verfolgen. Der Erfolg gab ihm recht. Der Macintosh Plus von 1986 hatte mit 1MB endlich genügend Speicher, um gegenüber dem PC mithalten zu können. Steve Jobs hatte immer darauf bestanden, dass mehr RAM nicht notwendig war. Schon gar nicht mehr als die 640KB RAM, die damals in PCs verbaut wurden. Ausserdem hatte er erstmals einen SCSI-Port zum Anschluss von Festplatten. Endlich war der Mac erweiterbar, ganz gegen Steve Jobs Ideen. Ab diesem Zeitpunkt hatte Gassée das Kennzeichen OPEN MAC auf seiner Mercedes S Klasse.

Macintosh Verbesserungen - 512K, Plus und SE
Macintosh Verbesserungen – 512K, Plus und SE

Der Höhepunkt – Macintosh SE und Macintosh II

Im Jahr 1987 erreichte er endlich den Durchbruch mit seinem Ingenieurteam. Zwei neue Produkte positionierten den Mac am Markt endlich als professionelle Lösung. Der Macintosh SE wurde entweder mit zwei eingebauten Diskettenlaufwerken, oder alternativ mit einer Floppy und einer internen Festplatte verkauft. Es gab einen Erweiterungsslot in diesem Computer. Erstmals war ein Lüfter in einem Mac eingebaut. Völlig im Gegensatz zu Steve Jobs Anforderung, dass ein Computer lautlos sein sollte. Und dieser Lüfter war laut. Endlich hatte man mit dem IBM PC XT und dem IBM PC AT gleichgezogen. Nur noch die Farbgrafik fehlte.

Die Farbgrafik bekam man dann mit dem Macintosh II. Dies war die neue Spitzenreihe von Apple mit dem leistungsfähigeren 68020 Prozessor von Motorola, die den Macintosh in den professionellen Markt katapultierte. Die Farbgrafikkarte konnte dann auch mehrere Monitore gleichzeitig mit Daten versorgen. Das Publikum auf der AppleWorld 1987 war beeindruckt. Was dort innerhalb von den zwei Jahren nach Steve Jobs Abschied in den Labors von Jean-Louis Gassées Ingenieuren herangereift ist, begeisterte das Publikum. Und Gassée präsentierte diese Produkte routiniert und mit seinem ganz besonderen französischen Charme und Akzent.

AppleWorld 1987 – Vorstellung des Mac SE und Mac II

Ich empfehle allen diese Präsentation auf der AppleWorld 1987 anzuschauen. Dieses Video erlaubt einen schönen Vergleich mit heutigen Apple Keynotes. Es ist alles dabei.

  • Ein Motivations-Video mit einem Blick auf die Errungenschaften der Vergangenheit („Higher and Higher, Apple is breaking through“) gefolgt vom ikonischen 1984 Video.
  • Die Vorstellung der beiden neuen Computer durch den Vice President Product Development Jean-Louis Gassée. Schön, wie die Computer auf die Bühne gerollt kommen und bombastische Filmmusik diesen Auftritt begleitet.
  • Ein Marketing-Filmchen von den neuen Produkten.
  • Ein Dankeschön an die Ingenieure, die die neuen Computer erdacht und gebaut haben.
  • Ein emotionales Video zum 10. Geburtstag von Apple.

Und Jean-Louis Gassée führte alleine durch diese Veranstaltung. Dies war der absolute Höhepunkt seiner Karriere bei Apple.

Gassée und die Ingenieure

Gassée forderte Loyalität von seinen Ingenieuren und belohnte sie für außergewöhnliche Leistungen. Ingenieure wurden von ihm ermutigt in unterschiedlichste Richtungen zu forschen. Deadlines wurden allerdings selten von den Ingenieuren eingehalten und auch nicht von Gassée eingefordert. Riesenbudgets wurden in Forschungsprojekte vergraben. JLG hatte kein Interesse an günstigen Macs, da er die hohen Margen nur bei der teuren Mac II Produktfamilie zu realisieren glaubte.

Mit dem Aquarius-Projekt versuchten seine Ingenieure und externe Experten einen Apple-Prozessor zu entwickeln, der die Motorola 68k-Familie ersetzen sollte. Das Projekt verschlang viele Ressourcen, unter anderem wurde ein Cray Supercomputer für das Prozessordesign angeschafft. Aquarius wurde ohne Ergebnis beendet.

Gassée erlaubte dem Ingenieur Steve Sakoman ein Tablet-Projekt mit Hobbit Prozessoren von AT&T zu starten, was später den Newton und seine furchtbare Handschrifterkennung hervorbrachte. Diese Geschichte habe ich im Buch Defying Gravity: The Making of Newton gefunden und in einem Beitrag verarbeitet.

Ein paralleles Projekt finanzierte Gassée auch. Die Köpfe dieses Projektes waren Mark Porat, Bill Atkinson und Andy Hertzfeld. Das Ergebnis dieses Projektes sollte auch ein mobiles, kompaktes Gerät werden, ähnlich einem heutigen Smartphone. Marc Porat benannte seine Vision als Pocket Crystal. Dieses Projekt wurde aber später in die Firma General Magic ausgegründet. Auch über General Magic und das Product Magic Cap habe ich schon einen Beitrag erstellt.

Der Geek baut seine Computer selbst zusammen

Gassée und seine Ingenieure entwickelten auch den ersten tragbaren Mac, den Macintosh Portable. Im September 1989 präsentierte er diesen Computer auf eine beeindruckende Art und Weise, indem er den Computer Bauteil für Bauteil auf der Bühne zusammensetzte und zum Schluss einen lauffähigen Macintosh Portable mit den Worten Ta Da auf dem Bildschirm des Computers vorzeigte.

JLG baut einen Macintosh Portable zusammen (Quelle: The ReDiscovered Future, YouTube)

Bereits im März 1989 vollführte er diesen Stunt bei der Vorstellung des neuen Macintosh IIcx.

Der Portable war allerdings alles andere als tragbar. Jean-Louis Gassée hatte zwar beeindruckende Technik in dieses Gerät einbauen lassen, wie ein hochauflösendes Active Matrix Display und einen Bleiakku, der länger durchhielt, als Akkus der Konkurrenz. Der Computer war zu schwer und kam zu spät.

In seinem Buch Grateful Geek erwähnt er aber auch, dass er eigentlich den ersten tragbaren Mac in Kooperation mit Sony bauen wollte. Sony war bekannt für seine Miniaturisierungsfähigkeiten und die Qualität seiner Produkte. Die Apple Ingenieure und Manager empfanden diesen Vorschlag als unamerikanisch.

Der Anfang vom Ende bei Apple

Jean-Louis Gassée traf zum Ende der 80er-Jahre Entscheidungen, die sein Ende bei Apple einläuteten.

Mit Windows 2.03 veröffentlichte Microsoft eine grafische Benutzeroberfläche, die nicht so gut wie die des Macintoshs war, aber gut genug. IBM kompatible PCs waren mit immer besserer Hardware und Software ein großer Konkurrent für Apple. Apple war zwar der größte Computer-Hersteller der damaligen Zeit, aber man verlor immer mehr Marktanteile. Die Preise sollten gesenkt werden, um den Marktanteil zu steigern.

Gassée wollte aber seine hohen Margen (bis zu 60%) weiterhin behalten und stattdessen Kosten reduzieren. Die Lizenzen für Adobes PostScript-Schriftarten waren teuer. Diese Lizenzkosten wollte er einsparen und ließ zusammen mit Microsoft die günstigen TrueType Schriftenfamilien entwickeln. Aber sie waren qualitativ viel schlechter als Adobes PostScript-Schriften, so dass der Ruf von Apples Desktop Publishing Fähigkeiten nachhaltig beschädigt wurde. Außerdem wurde die bis dahin gute Beziehung zu Apples zuverlässigsten Softwaredienstleister Adobe getrübt, da im Zuge der TrueType-Entscheidung der Aktienkurs von Adobe um 50% fiel. Ironischerweise war Apple der größte Anteilseigner von Adobe. Gassée hatte Apple einen Bärendienst mit dieser Kosteneinsparungsmassnahme erwiesen.

Pink – erste Versuche das Mac OS zu modernisieren

JLG teilte die Entwicklungsabteilungen für die Betriebssystemsoftware auf. Das blaue Team sollte das aktuelle Mac OS weiterpflegen. Das Team Pink sollte das neue Betriebssystem mit multitaskingfähigem Kernel entwickeln. Keiner wollte mehr für das blaue Team arbeiten. Der Ingenieur Erich Ringewald baute die bald riesige Projektorganisation für Pink auf. Ein weiteres Projekt namens Jaguar wollte das Betriebssystem aus dem Pink Projekt für einen neuen Computer mit RISC Prozessor von Motorola verwenden. Stattdessen entschieden Sie sich für einen Mach Kernel, den auch NeXT für sein NeXTStep Betriebssystem verwendete. Beide Projekte, Pink und Jaguar, erreichten nicht mehr ihre Ziele und wurden gestoppt. Das blaue Team brachte dann System 7 auf den Markt, was keinen Speicherschutz und preemptives Multitasking vorsah. So kam es viele Jahre später (1997) zum Showdown zwischen Be und NeXT, um für den Macintosh ein modernes Betriebssystem zu kaufen.

President of Apple Products

Jean-Louis Gassée war im Jahr 1989 zum President of Apple Products aufgestiegen und verantwortlich für Manufacturing und Product Marketing. Seine Antwort auf die Erhöhung der DRAM Preise war die Erhöhung der Preise für die Computer. Eine Beschneidung der sehr hohen Marge und eine mögliche Realisierung besserer Preise für seine Kunden war er nicht bereit zu akzeptieren. Die Absätze brachen ein. Das erste Mal seit 1984. Die Kunden, und vor allem die Entwickler von Software für den Mac nahmen diese Preiserhöhung Apple sehr übel. So verlor man viele loyale Kunden und Entwickler.

Dafür wurde neben Allan Loren, Apples VP of Sales and Marketing, auch Gassée verantwortlich gemacht und er war angezählt. In seinem Buch erwähnt er aber, dass ein anderes Ereignis zu seiner Entlassung führte. Er wurde in einem informellen Termin Anfang 1990 von John Sculley selbst aufgefordert, seine Meinung zum Führungsstil des CEO abzugeben. JLG war offen und seine ehrliche Meinung wurde nicht so positiv aufgenommen. Stattdessen wurde ihm mitgeteilt, dass man sich von ihm trennen wollte.

Im Internet konnte ich nicht herausfinden, was Gassée damals zu Sculley gesagt hat. Aber im Buch Apple: The inside story of intrigue, egomaniac, and business blunders von Jim Carlton konnte ich im Kapitel The Fall of Jean-Louis Gassée Details der Konversation finden. Da JLG in seinem Buch nicht auf den Wortlaut eingeht, werde ich das hier auch nicht tun.

Die Trennung von Apple

Jean-Louis Gassée informierte sein Ingenieurteam über seine Entlassung. In der Folge gab es öffentliche Solidaritätskundgebungen von seinen Ingenieuren: „Jean-Louis don‘t go“ war der Tenor. JLG war sehr beliebt bei seinem Team. Das Apple Management hatte Sorge, dass Gassée einige wichtige Ingenieure folgen würden und Apple danach geschwächt aus dieser Personalentscheidung hervorgehen würde. Man bot Gassée an, dass er noch für eine Übergangszeit bis September 1990 bei Apple bleiben konnte. Er akzeptierte und nutzte Fortbildungsmöglichkeiten wie japanische Kalligraphie.

Während dieser Zeit prüfte er neue berufliche Herausforderungen. Er sprach mit Commodore und anderen Firmen. Oft ging es um eine CEO Rolle. Aber zum Schluss entschied er sich, eine eigene Firma aufzubauen. Er wollte ein Computerprodukt im Stil des Amigas bauen. Ein Multimedia Computer sollte es werden.

Er sprach seinen ehemaligen Mitarbeiter Steve Sakoman an und gemeinsam gründeten sie eine neue Firma. Steve Sakoman und seine Familie schlugen den Namen Be vor.

Die Be Jahre

Jean-Louis Gassée in seinen Be Jahren (Quelle: Eric Sander/Liaison/Getty Images)
Jean-Louis Gassée in seinen Be Jahren (Quelle: Eric Sander/Liaison/Getty Images)

Die Idee zu einem neuen Computerprodukt bekamen Jean-Louis Gassée und Steve Sakoman durch ihre Beschäftigung mit Commodore. Sie sahen, dass es möglich war eine weitere Computerplattform neben PC und Mac am Markt zu etablieren. Der Commodore Amiga war ein faszinierender Multimedia-Computer mit innovativen Ideen. Genau in diesen Bereich wollte sich die Firma Be positionieren. Auf Basis von zwei Hobbit-Prozessoren und dreier DSPs von AT&T sollte ein moderner Mehrprozessor-Computer gebaut werden, der Multithreading erlaubte. Wegen der besonderen Fähigkeiten der Hobbit-Prozessoren sollte dieser Computer in der Lage sein alle möglichen Mediendateien parallel zu verarbeiten und wiederzugeben. Und über Speicherschutz würde dieser Computer extrem stabil laufen. Konzepte, die es bei Unix und dem Amiga OS schon lange gab, sollten jetzt auch von Be implementiert werden.

Steve Sakoman

Innerhalb von wenigen Wochen hatte Steve Sakoman die Hardware konzipiert und entwickelt. Jetzt musste nur noch ein multitaskingfähiges Betriebssystem her, welches die besonderen Hardwaremöglichkeiten nutzen konnte.

Exkurs Steve Sakoman

Steve Sakoman ist ein herausragender Hardware-Ingenieur und Manager, der bei HP, Apple, Be und anderen Firmen gearbeitet hat. Er hat den ersten MS DOS kompatiblen Laptop bei HP verantwortet. Er startete bei Apple das Newton Projekt, damals noch im Tablet-Formfaktor. Bei Be war er Mitgründer und für die Hardware verantwortlich. Später kreuzten sich die Wege von Gassée und Sakoman wieder bei PalmSource. Zum Schluss arbeitete Steve Sakoman wieder bei Apple als Vice-President für Software Technology. Was für eine großartige Karriere.

In schneller Folge wurden exzellente Software-Ingenieure eingestellt. Unter anderem auch der Apple Ingenieur Erich Ringewald als Director of Engineering. Bei Apple hatte er ein modernes Betriebssystem mit dem Pink Team entwickelt, was aber nie abgeschlossen wurde. Ehemalige Ingenieure von Apple entwickelten mit jungen Software-Experten das BeOS, was beeindruckend elegant und performant war.

Screenshot des Desktops von BeOS 5.0.3 mit diversen geöffneten Tasks (Quelle: Wikipedia, Autor: M0J01812, CC BY-SA 4.0)
Screenshot des Desktops von BeOS 5.0.3 mit diversen geöffneten Tasks (Quelle: Wikipedia, Autor: M0J01812, CC BY-SA 4.0)

Umstieg von Hobbit auf Power PC Prozessoren

Aber im Jahr 1993 stellte AT&T Microelectronics die Produktion und Weiterentwicklung der Hobbit-Prozessoren ein. Steve Sakoman war verzweifelt und verließ das Projekt und Be. Jean-Louis Gassée versuchte in dieser kritischen Phase das finanzielle Fundament der Firma durch Finanzspritzen von externen Investoren zu festigen. Dadurch war es dem Hardware-Ingenieur Joseph Palmer möglich, die Hardware von Hobbit-Prozessoren auf zwei Power PC 603 Prozessoren umzustellen. Zusätzliche Caching-Hardware war erforderlich, um die besonderen Fähigkeiten der Hobbit-Prozessoren zu emulieren. Eine aufwändige Migration, bei der die Ingenieure von Be allerdings viele Erfahrungen machten, die wichtig in der Zukunft sein sollten.

Mit nur 12 Software-Ingenieuren und einem Hardware-Ingenieur stellte Be bis 1995 ein halbwegs stabiles Produkt namens BeBox mit dem Betriebssystem BeOS auf die Beine. Be wurde am 3. Oktober 1995 offiziell im Rahmen der Industriekonferenz Agenda ‘96 präsentiert. JLG stellte seine Firma und seine Vision vor. Steve Horowitz, einer der ersten Software-Ingenieure von Be, präsentierte BeOS und bekam Standing Ovations.

Vorstellung BeOS (Quelle: Doug Fulton, YouTube)

Be Inc, seine BeBox und das Betriebssystem BeOS war danach in aller Munde.

Um Entwickler für das Be System besser zu unterstützen, schrieben Gassée und seine Ingenieure den monatlichen Be Newsletter. Jean-Louis Gassée war schon immer ein begeisterter Newsletter-Autor.

Anmerkung: bis zur Veröffentlichung seines Buches Grateful Geek im Jahr 2023 schrieb er seine regelmäßige Monday Note. Absolut lesenswert.

Portierung von BeOS auf die Mac Plattform

Als Michael Spindler, der neue CEO von Apple, den Macintosh Marktanteil durch Lizenzierung von Mac OS an Firmen wie Motorola und Power Computing steigern wollte, sah Gassée seine große Chance. Be portierte sein BeOS auf diese Mac Clones. Sie meldeten sich auf der nächsten MacWorld Expo an, um ihre Lösung zu präsentieren. BeOS wirkte so viel frischer und leistungsfähiger als das in die Jahre gekommene Mac OS.

Die Idee eines BeOS Kernels mit einer Mac Benutzeroberfläche wurde ernsthaft zwischen Apple und Be diskutiert. Gassée verlangte 429 Millionen Dollar für die Übernahme des Intellectual Capitals von Be.

BeOS wurde nicht von Apple ausgewählt, die Basis für das neue Mac OS zu werden. Gassée musste andere Wege finden, seine Firma am Leben zu halten. In späteren Interviews beschreibt er seine Niederlage als Glücksfall für alle Apple-Freunde, denn mit NeXTStep als Basis sei dann nach vielen Jahren Entwicklungszeit ein macOS auf den Markt gekommen, was heute als modernes und stabiles Betriebssystem nicht nur für den Mac, sondern auch für iPhone, iPad, Apple Watch und Apple TV angesehen wird.

Das Ende von Be

Be hat in der Folge keine wesentliche Rolle mehr gespielt. BeOS wurde zwar noch auf die x86 Plattform übertragen, und konnte auf einer Windows-Umgebung nachgeladen werden. Microsoft verhinderte diese Art Sideloading, was später zu einer Gerichtsverhandlung und viel Geld von Microsoft für Be führte. Der letzte Entwicklungsschritt war BeIA für Internet Appliances, aber da war man der Zeit zu weit voraus. Be ging 1999 an die Börse und wurde schließlich im Jahr 2001 von Palm übernommen. Software-Ingenieure von Be haben dann an Palm OS 5 und 6 mitgearbeitet. Jean-Louis Gassée hat Führungsrollen bei PalmSource übernommen, das für die Weiterentwicklung des Palm OS verantwortlich war.

Nach der Be Zeit ist JLG in die Risikokapitalgeber-Zunft übergegangen. Eine ganz andere Geschichte, für die er ein eigenes Kapitel The Late Wise (and Learning) Years in seinem Buch Grateful Geek vorgesehen hat.

Ein Dankeschön an den Grateful Geek

Meine Hoffnung war, in diesem Buch mehr über die spannenden Apple Jahre nach dem Weggang von Steve Jobs zu erfahren. Und ich wollte herausfinden, was Jean-Louis Gassées Beitrag zur Weiterentwicklung der Macintosh Computer war. Ich wollte den Menschen kennenlernen, der mit Be Inc eine der faszinierendsten Computerfirmen der 90er Jahre mitgegründet hat und dabei ein Betriebssystem mit seinen Ingenieuren geschaffen hat, was fast zur Grundlage von Mac OS geworden wäre.

Er hat seine Lebenserinnerungen in drei große Abschnitte in seinem Buch Grateful Geek aufgeteilt. Ganz nach dem geflügelten Worten des Feldherrn Julius Cäsar heißen seine Kapitel

  • Veni,
  • Vidi,
  • Vici.

“Ich kam, sah und siegte”, wobei er Vici mit dem Zusatz sort of versah.

Der Abschnitt Vici adressiert dabei die schmerzhaften Be Jahre. Veni waren die Jahre vor Apple und Vidi waren die Apple Jahre. Eine schöne Struktur, wobei er in seinen Kapiteln nicht immer chronologisch vorgeht und öfter auf vorherige oder spätere Ereignisse hinweist. Das macht es dem Leser (oder Hörer) schwierig zu folgen. Deshalb habe ich mehrfach das Hörbuch durchgehört, um die Zusammenhänge wirklich zu verstehen.

Zusatzliteratur zum Verständnis der Apple Jahre

Leider geht er nicht so tief auf die für mich spannenden Aspekte seiner Karriere ein. Ich mußte mir über andere Quellen noch zusätzliche Informationen beschaffen, die die aus meiner Sicht bestehenden Lücken der Apple Zeit zwischen 1985 und 1991 füllten.

Dies sind vor allem die Website lowendmac.com und zwei dort genannte Bücher, die ich mir dann noch für zusätzliche Details gekauft habe.

  1. Apple: The inside story of intrigue, egomaniac, and business blunders von Jim Carlton.
  2. Infinite Loop: How Apple, the World’s Most Insanely Great Computer Company Went Insane von Michael S. Malone.
Zusätzliche Literatur zum Verständnis der Apple Jahre von Jean-Louis Gassée
Zusätzliche Literatur zum Verständnis der Apple Jahre von Jean-Louis Gassée

Trotzdem hat mir Grateful Geek sehr gefallen. Man erfährt sehr viele intime Details aus seiner Entwicklungszeit zum Geek und seine berufliche Laufbahn. Immer wieder nennt er wichtige Weggefährten, die ihn in seinem privaten Leben und seiner Karriere weitergebracht haben. Einen zentralen Platz hat seine Frau Brigitte, die sein Leben bei einem Schlaganfall rettete.

Risikokapitalgeber

Interessant ist zu erfahren, wie er in seiner Be Zeit Geldgeber für das Fortbestehen seiner Firma gesucht hat und welches Verständnis er zu dieser Zeit von Risikokapitalgebern hatte. Häufig nennt er sie zynische Investoren mit tiefen Taschen. Später wandelte er sich vom Saulus zum Paulus, indem er selbst in diese Branche einstieg. Über 20 Jahre unterstützte er auch französische Startups mit Geld und Ideen, um diesen jungen Gründern Startmöglichkeiten zu geben, die denen im Silicon Valley nahekommen.

Vor allem finde ich seine Beschreibung sehr aufschlußreich, wie man den optimalen Pitch mit drei Powerpoint-Slides machen soll. Er reflektiert, dass er diese Regeln nicht eingehalten hat, als er seine Präsentationen noch selbst gehalten hat.

Für all diejenigen, die mehr als drei Slides benötigen, empfiehlt er eine ebenfalls hilfreiche Struktur, die sich auf sieben Slides verteilt. Für mich als Berater ist dies ein wertvoller Zusatz für meinen eigenen Werkzeugkasten. Vielen Dank dafür.

Kulturelle Unterschiede

Jean-Louis Gassée weist auf die kulturellen Unterschiede zwischen einem Pariser und einem Kalifornier hin. Er erläutert, dass ein Pariser, ähnlich wie ein Deutscher, seine Meinung immer sehr deutlich ausspricht, während ein Kalifornier eher vorsichtige Empfehlungen und Ratschläge gibt. Dies kann zu schlimmen zwischenmenschlichen Problemen führen und kann kontraproduktiv sein, wenn man zwei unterschiedliche Ingenieursabteilungen zusammenbringen will. In seinem Fall waren es die Apple II und die Apple Macintosh Ingenieure, die beide an ihn berichteten. Apple HR-Mitarbeiter versuchten Gassée zu vermitteln, wie er seine Kommunikation verbessern kann. Wie wir gesehen haben, hat er mit der Zeit eine sehr positive Beziehung zu seinen Ingenieuren aufbauen können. Er bezeichnet in seinem Buch die Interaktion mit seinen Ingenieuren als den besten Teil seiner fünf Jahre in Cupertino.

In seinem Buch erläutert er auch die Hiring und Firing Regeln, mit denen er Erfolg hatte. Für manchen mag es schon sehr merkwürdig erscheinen, wenn man beim Einstellungsgespräch gleich dargestellt bekommt, wie der Prozess der Trennung aussehen würde.

Geek und Manager

What is a true geek? I call them the path breakers and the ball breakers. People who explore the more innovative uses of computers and also who will generously give us the most solid feedback that will keep us honest. They’ll criticize us, they’ll cause us to do a better job.

Jean-Louis Gassée, Interview 1996 (Be Inc / BeOS)

Ein besonderes Merkmal für einen Geek ist die Begeisterung für eine ganz besondere Leidenschaft. In JLGs Fall war es Technologie. Von den ersten integrierten Schaltkreisen über HP Rechenmaschinen bis hin zu Wozniaks Wunderwerk, dem Apple II, war Gassée begeistert. Auch heute noch macht er sich Gedanken über aktuelle und zukünftige Technologien, von VR Brillen bis hin zu generativer künstlicher Intelligenz. Auch im hohen Alter von mittlerweile 81 Jahren analysiert er Technologie und konzentriert sich in seinem Buch beispielhaft auf Apple und seine Produkte.

Er hat sich in all seinen Jahren als Manager mit Produkten und Menschen in der Technologiebranche auseinandergesetzt. In seinen ersten Jahren hat er Firmen und ihre Produkte auf dem französischen Markt erfolgreich vermarktet. In seiner Apple-Zeit hat er mit seinen Ingenieuren die Macintosh-Plattform weiterentwickelt. Ein Betriebssystem-Wechsel bei Apple ist ihm nicht gelungen, als er in führender Position bei Apple war. Auch später nicht, als er sein BeOS an Apple verkaufen wollte.

Er hat aber das Kunststück fertiggebracht, ein zukunftsfähiges Betriebssystem mit seinem kleinen Team zu entwickeln, was heute noch als Haiku seine Anhänger findet. Apple ist dies nicht mit all seiner Manpower gelungen. Jean-Louis Gassée und sein kleines Be Team haben gezeigt wie es geht. Ich würde gerne einen Einblick in die alternative Zeitlinie haben, in der Apple sich für BeOS entschieden hat. Wie würde die Welt heute aussehen?

Fazit

Der Jean-Louis Gassée, den ich in meiner Beschäftigung mit seinem Hörbuch Grateful Geek und zusätzlicher Quellen kennengelernt habe, ist ein faszinierender Mensch. In vielen Fällen wird er bezüglich seines Auftretens mit Steve Jobs verglichen. Im Guten wie im Schlechten. Ein Franzose, der seinen Weg in die höchsten Positionen einer der attraktivsten und erfolgreichsten Computerfirmen seiner Zeit gefunden hat. Dessen Verhalten vielen seinen Zeitgenossen exzentrisch erschienen ist.

Er hat von 1985 bis 1990 die Produktentwicklung bei Apple verantwortet. Ihm ist es gelungen mit Hilfe seiner Ingenieure die Macintosh Linie weiterzuentwickeln. Es standen ihm riesige R&D-Budgets zur Verfügung, um innovative Projekte zu finanzieren, die zu wenig neue Produkte und Lösungen hervorbrachten.

Er galt zu einem Zeitpunkt als wahrscheinlichster Kandidat in der Nachfolge des CEO John Sculley. Er ist gescheitert, da er keine günstigen und attraktiven Consumer-Macintoshs in seinem Produktportfolio hatte. Erst nach seinem Rausschmiss kamen die ersten bezahlbaren Macintosh LC auf den Markt. LC steht für Low-cost Color.

Was ihm bei Apple nicht gelungen ist, schaffte er dann mit seiner Firma Be. Der performante Multimedia-Computer namens BeBox mit seinem modernen multitaskingfähigen Betriebssystem BeOS bewies, dass er mit einem kleinen motivierten Team mehr erreichen konnte als bei Apple und seiner schwierigen Managementkultur.

Er hatte die Chance, dass sein BeOS der Unterbau des nächsten Mac Betriebssystems werden konnte. Er hat die Entscheidungsträger bei Apple falsch eingeschätzt, die sich stattdessen für NeXTStep entschieden haben.

Die Gassée-Jahre bei Apple

Schon viele Jahre stelle ich mir die Frage, wie es passieren konnte, dass Apple seinen Vorsprung gegen die Wintel-Platform verlieren konnte.

Wieso gab es so wenig Weiterentwicklung des Mac OS zwischen 1985 und 1995, als Windows 95 herauskam?

Hatte sich Apple verausgabt mit der Mammutaufgabe den Macintosh ins Leben zu rufen?

Meine Beschäftigung mit den Gassée-Jahren bei Apple zeigt auf, dass die Systemsoftware und die Hardware des originalen Macs so eng verbunden waren, dass eine Weiterentwicklung zu einem Computer mit multitaskingfähigen Kernel schwierig gemacht wurde.

Gassée hatte Projekte genehmigt, die eine Modernisierung des Betriebssystems erreichen sollten. Sie sind vor allem an Apples Managementkultur gescheitert, aber auch daran, dass Apples Software-Ingenieure sich nicht auf das wesentliche und machbare konzentriert haben. Selbst nach JLGs Zeit bei Apple scheiterte das Copland genannte Projekt, das dieselben Ziele von 1994 bis 1996 verfolgte.

Umso faszinierender ist es, dass Gassées BeOS fast die (externe) Lösung für Apples Betriebssystemproblem geworden wäre.

Auch wenn diese Zeiten in meiner persönlichen Wahrnehmung als verlorene Jahre gelten, so muss man sagen, dass Apple Ende der 80er Jahre eine erfolgreiche 5 Milliarden Dollar Firma geworden ist. John Sculley war zu dieser Zeit das gern interviewte Gesicht von Apple. Jean-Louis Gassée andererseits war das Herz von Apple. Er blutete in sechs Farben wie auf dem Apple Logo in dieser Zeit.

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