Die Retrocomputing-Szene

Ich sehe mich mit meinem Blog als Teil der Retrocomputing-Szene. Mein Computermuseum ist mein Beitrag zur Erhaltung von Computern der letzten 40 Jahre. Aber was sind meine Motive? Was gibt es sonst noch für Motive? Was sagt die Wissenschaft zum Retrocomputing?

Computer der letzten 40 Jahre
Retrocomputing Computermuseum

Was sind meine Motive?

Ich habe mich schon lange gefragt, warum ich ein solches Interesse an der Sammlung klassischer Computer habe. Meine Antwort ist nicht wirklich einfach.

Ich habe eine so starke Erinnerung an die klassischen Computer der 80er- und 90er-Jahre, da ich in dieser Zeit ganz intensive Erfahrungen mit diesen Geräten, Fachbüchern und Magazinen, Software und anderen Computerbegeisterten angesammelt haben. Außerdem war ich damals jung, hatte viel Zeit und Computer haben mich damals als neues „Spielzeug“ begeistert. Eine komplett neue Welt hat sich für mich eröffnet. Außerdem konnte ich auf einmal etwas, was mein Vater nicht mehr verstanden hatte. Allein dieser Umstand war für mich sehr wichtig. Diese Erfahrungen haben mir meinen weiteren Weg in meinem privaten und beruflichen Leben aufgezeigt.

Es ist also einerseits Nostalgie an eine großartige Lebensphase und andererseits Begeisterung für Retrocomputing, die mich treibt ein Computermuseum aufzubauen. Dabei gehe ich allerdings sehr selektiv vor.

  • Meine Sammlung ist gemäß einer Masterliste „Computermuseum“ entstanden, die von mir vor mehr als sieben Jahren erstellt wurde, nachdem ich auf eBay eine riesige Fundgrube für klassische Computer gefunden habe (Link)
  • Auf dieser Liste standen die Computer, die mich am meisten beeinflusst und begeistert haben. Vor allem Sinclair-, Apple- und Design-Computer sind mir wichtig
  • Im Laufe der Jahre ist diese Liste selektiv erweitert worden, wenn ich auf unbekannte Sammlungsstücke aufmerksam wurde. Zum Beispiel habe ich das Atari VCS 2600-Spiel Pitfall (Link) auf meine Liste genommen, nachdem ich einen Artikel über mein einziges selbstgeschriebenes Computerspiel ZX Fall (Link) geschrieben habe
  • Mir war es immer nur wichtig, einen Computer im gut erhaltenen optischen Zustand zu erhalten. Mir ging es nie darum, dass der Computer noch funktioniert oder vollständig mit Verpackung, Kabeln und Handbuch angeboten wird.

Die Ausstellungsstücke werden von mir gereinigt aber nicht überarbeitet, so dass sie wieder funktionsfähig werden. Ich stelle sie aus, wie sie sind. Vergilbte Gehäuse wie bei meinem Apple IIc (Link) gehören einfach dazu. Ich stelle einerseits meine Ausstellungsstücke in meinem Wohnzimmer in offenen Schränken aus und veröffentliche diese andererseits in meinem Blog (Link).

Zu jedem Artikel meines Computermuseums gibt es einen Beitrag in englischer und deutscher Sprache. Sie sind mit vielen Fotos bestückt und sind für mich purer Tech-Porn 😉

Ich habe ein großes Vergnügen daran diese Ausstellungsstücke in einen historischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technischen Kontext einzubetten. Dafür schreibe ich Artikel, die diesen Kontext aufzeigen und diese Geräte untereinander vergleichen. Mein Blog ist voll davon (Link).

Ich bin einfach begeistert zu sehen was Ingenieure in den damaligen Zeiten als State of the Art entwickelt haben, was aber heutzutage nur noch obsolet geworden ist. Selbst ein 10 Jahre altes iPad 1 ist heute nicht mehr zu verwenden (z.B. stürzt der Browser bei den meisten aktuellen Webseiten ab). Alle diese Sammlungsstücke sind unter heutigen Gesichtspunkten nicht mehr effizient zu verwenden. Auch wenn man Texte mit einem PC aus den 80er-Jahren noch erstellen kann und diese auf einen Drucker ausdrucken kann, so hat sich doch das User Interface in den letzten Jahrzehnten sehr weiterentwickelt. Nur wenige (wie George R. R. Martin) sind bereit, diese klassischen Umgebungen weiter zu benutzen.

Ich weiß, was es damals bedeutet hat, Software in einen Computer von einer Cassette oder einem Microdrive einzuladen. Ich habe kein Interesse daran, diese höchst unkomfortable und zeitraubende Erfahrung auch heute noch machen zu müssen. Ich schätze es sehr, daß die Computertechnik und die Software sich weiterentwickelt hat. Damals war ich jung und kannte nichts anderes. Wenn ich damals schon Computertechnik von heute zur Verfügung gestellt bekommen hätte, dann hätte ich diese klassischen Computer keines Blickes mehr gewürdigt. Das Bessere ist immer der Feind des Guten.

Aber da diese klassischen Computer damals den Stand der Technik darstellten, sehe ich diese heute als ingenieurtechnische Meilensteine, als Kulturbeitrag, als Einflussfaktor auf unsere Gesellschaft und als Auslöser einer beispiellosen wirtschaftlichen Entwicklung. Man muß nur den Aktienkurs von Firmen wie Apple und Microsoft über die Jahrzehnte beobachten und was diese Firmen für einen Einfluß auf unsere Gesellschaft haben. Ganze neue Branchen und Arbeitsbereiche wurden geschaffen. Dazu gehört auch mein eigener.

Außerdem mag ich den Austausch mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und meine Leidenschaft und Erinnerungen teilen. Deshalb bin ich dem Verein zum Erhalt klassischer Computer (VzEkC e.V.) (Link) beigetreten.

Weitere Motive für Retrocomputing?

Die Funktionsfähigkeit alter Computer aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen ist ein starkes Motiv. Idealerweise mit historischen Bauteilen, wenn repariert werden muss. Der VzEkC nennt das als eines seiner primären Ziele und Motive.

Wir beschäftigen uns mit Pflege, Reparatur und Erhalt von klassischen Computern.

Und die Geräte stehen nicht nur im Regal, sondern werden fleißig benutzt.

VzEkC – http://www.classic-computing.org

Aber viele erweitern die Funktionalität alter Geräte mit neuer Technologie, wie z. B. mit Compact Flash-Speichern anstelle von historischen Datenspeichern wie Kassette, Floppy Disk oder Festplatten. Oder sie versuchen diese alten Computer in moderne Netzwerke einzubinden oder an moderne Computer abzubinden.

Ziel ist es natürlich die Software der damaligen Zeit auf diesen klassischen Computern zum Laufen zu bringen. Das gilt auch für Software-Neuentwicklungen, die nie auf den alten Datenträgern gespeichert wurden. Der Schwerpunkt dieser Software liegt natürlich auf Spielen. Obwohl diese Spiele nach heutigen Erfahrungen nur noch wenig interessant sind, so haben sie doch ein einzigartiges Look and Feel (Pixelgrafik, Homecomputer-Sound). Außerdem kommen auch nostalgische Gefühle an durchgespielten Nächten hoch.

Diese starken Erinnerungen führen dazu, daß man alles versucht, um dieses wieder zu erfahren. Entweder werden diese Spiele dann auf wiederhergestellten klassischen Computern gespielt, oder aber auf Emulatoren, die auf aktueller Hardware und aktuellen Betriebssystemen laufen.

In beiden Fällen ist es erforderlich, die Software auf neue Medien zu digitalisieren und verfügbar zu machen. Hier kommen natürlich immer wieder lizenzrechtliche Probleme zum Tragen. Einerseits ist es das Urheberrecht derjenigen, die die Software geschrieben haben, andererseits sind es die Urheberrechte der Firmen, die die Betriebssysteme/ROMs für die klassischen Computer geschrieben haben.

Dann gibt es natürlich auch sehr singuläre Interessensbereiche, wie z.B. Sammler von Schach-Computern oder Schach-Software. Hier gibt es kleine geschlossene Interessengruppen, die ihre eigenen Regeln der Sammeltätigkeit definieren und diese Interessenbereiche aus ihren Perspektiven beleuchten.

Ein in den letzten Jahren aufgetretenes Phänomen des Retrocomputings sind Kopien von alten Computern und Spielkonsolen oder Neuinterpretationen, wie z.B. der C64 mini (Link), der ZX Spectrum Recreated (Link), der ZX Vega + (Link) oder der ZX Spectrum Next (Link). Hier entstehen Geräte, die mit modernen Mitteln klassische Computer nachempfinden helfen und weiterbringen sollen. Diese Projekte werden von begeisterten Gruppen gerne auf Crowdfunding-Plattformen positioniert, um eine Finanzierung abzusichern. Das kann gut gehen wie beim ZX Spectrum Next, kann aber auch spektakulär scheitern, wie dies beim ZX Vega + (Link) passiert ist. Der Grund für dieses Crowdfunding liegt darin, daß die Retrocomputing-Szene nicht groß genug ist, um große Stückzahlen dieser Produkte zu verkaufen.

Was sagt die Wissenschaft zum Retrocomputing?

Bei der Vorbereitung auf diesen Artikel habe ich im Wikipedia-Beitrag zu Retrocomputing zwei interessante Artikel gelesen. Diese sind

Die Sicht dieser Profis auf unser Hobby Retrocomputing ist wirklich sehr erhellend. Einerseits verurteilen sie einige Retrocomputing-Praktiken, wie z.B. das Ausstatten alter Computer mit neuer Technik, aber andererseits wissen sie das Potential des Know Hows sehr zu schätzen, was in diesen Communities vorhanden ist und aufgebaut wird.

Aus wissenschaftlicher Sicht würde man klassische Computer und die dazugehörige Dokumentation und Software anders aufbereiten und präsentieren. Dahinter stecken Methoden aus der Archäologie und der Präservierung und Musealisierung von solchen Artefakten.

Stefan Höltgen stellt in seinem Exposé zu seiner Dissertation die Frage, wie ein operatives Computermuseum zu gestalten und betreiben wäre, das dem archäologischen Gedanken des Retrocomputings verpflichtet ist. Ich bin auf das Ergebnis seiner Arbeit sehr gespannt (Zusatz 6.3.2020: am 4.3.2020 hat Stefan Höltgen in dem VzEkC-Forum (Link) seine abgeschlossene Dissertation zum Download angeboten. Was für ein Zufall. Ich freue mich sehr).

Yuri Takhteyev und Quinn DuPont dagegen untersuchen die unterschiedlichen Herangehensweisen der Retrocomputing-Szene. Dabei benutzen sie folgende zwei Unterscheidungskategorien:

  • Retrocomputing as Preservation: hier geht es um diejenigen, die klassische Computer, Software auf ihren Datenträgern und Dokumente aus dieser Zeit erhalten wollen. Dies beinhaltet auch eine Sicherung und Archivierung dieser Artefakte auf digitalen Medien. Ich glaube, daß ich mit meinen Motiven zu dieser Gruppe von Retrocomputing-Aktivisten gehöre
  • Retrocomputing as Remix: die Kombination von alten und neuen Techniken, Werkzeugen und Verfahren wird hier als Remix bezeichnet. Ähnlich wie aus einem alten ABBA-Song ein Madonna-Remix wird, entstehen hier neue Plattformen wie Emulatoren oder moderne Hardware-Erweiterungen für klassische Computer. Auch neue Software für klassische Computer wird geschaffen, die auf modernen Entwicklungsumgebungen entwickelt werden. Damit eröffnen sich komplett neue Möglichkeiten, die die Hardware-Ingenieure nicht vorhergesehen haben.

Fazit

Die Retrocomputing-Szene ist absolut vielschichtig. Meine Motive für das Retrocomputing zeigen auf, daß ich einen anderen Blick auf dieses Hobby habe, als z.B. viele Mitglieder des VzEkC. Diese unterschiedlichen Perspektiven gehören unter den Sammelbegriff Retrocomputing und zeigen die Vielfalt der Möglichkeiten zum Erhalt alter Computer, Software und Dokumentationen auf. Jeder zeigt vor allem auf, was für persönliche Erfahrungen über die Zeit gemacht worden sind. Dies ist jeweils ein kleines Puzzlestück vom Gesamtbild.

Interessant wird sein, wie das Gesamtbild dieser spannenden Zeit aussehen wird, nachdem die Wissenschaft all diese Informationen methodisch aufbereitet hat.

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