Nokia – oder wie eine kleine amerikanische Firma das Handy-Imperium zerstörte

Nach meinem historisch angehauchten und sentimentalen Artikel ĂŒber den Aufstieg und Fall von RIM und BlackBerry (Link) bekam ich Lust einen Ă€hnlichen Artikel ĂŒber Nokia zu schreiben.

Zuerst stand der reißerische Titel, der natĂŒrlich auf den Launch des iPhone und den Siegeszug der Touchscreen-Smartphones anspielt. Aber als ich meine Recherchen intensivierte stellte ich fest, dass Apple nur einen Bruchteil der Verantwortung am Niedergang einer der Ikonen der Mobilfunkwelt trug. Was wirklich der Verursacher fĂŒr Nokias Scheitern war, möchte ich hier erlĂ€utern.

Es war einmal …

Nokia fing vor ĂŒber 150 Jahren mit Holzverarbeitung an. Man musste noch bis in die 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts warten, bis sich Nokia zu einem Telekommunikationsunternehmen verwandelte.

In den 80er-Jahren produzierte Nokia unter dem Namen Nokia Data auch erfolgreich PC-Produktlinien. Ein solches Produkt habe ich im Juni 2010 in Kuala Lumpur in einem Museum ausgestellt gefunden. Nokia Data ist spÀter in Fujitsu-Siemens aufgegangen.

Nokia Data – Computerausstellung in Kuala Lumpur 2010

Nokia war von 1998 bis 2010 der absolute MarktfĂŒhrer bei Mobiltelefonen. FĂŒr mich fing die Beziehung zu Nokia mit dem 3210 im Jahr 1999 an. Nokia war einfach ungeschlagen darin, schön gestaltete, robuste und gut verarbeitete Feature-Phones auf den Markt zu schmeißen. Beim Nokia 3210 konnte man die Außenschalen austauschen und damit das Handy nach seinem persönlichen Geschmack anpassen.

Vor Nokia hatte ich mit einem Siemens Mobiltelefon angefangen. Es war das Siemens S6D, das ich mir mit meinem ersten Mobilfunk-Vertrag 1997 in Aachen bei einem Mannesmann D2-Laden kaufte. Ich liebte die schönen abgerundeten Formen. Aber das Nokia 3210 sah ohne den Antennenstummel der Generationen davor so viel moderner aus und war auch besser bedienbar. Und es hatte den großartigen Nokia Tune (Link), den man ĂŒberall hörte.

Das Nokia Kamerahandy 7650 von 2002 war noch eine Episode in meinem Leben. Es war ein Geschenk fĂŒr meine Frau und war das erste Symbian OS-Mobiltelefon mit Digitalkamera. Es war ein Slider-Phone und hat mir persönlich sehr gut gefallen. Nach heutigen MaßstĂ€ben sind die VGA-Bildchen sehr schlecht. Damals war es großartig so was mit sich herumtragen zu können.

Von da an hatte ich beruflich bis 2005 in schneller Folge von meinen Arbeitsgebern Siemens- und Nokia-Mobiltelefone zur VerfĂŒgung gestellt bekommen. Aber spĂ€testens mit dem T-Mobile MDA Compact ab 2005 bin ich dauerhaft auf Smartphones umgestiegen und nie wieder bei Feature-Phones von Nokia gelandet.

Die Produktvielfalt ĂŒber all diese Jahre war unĂŒberschaubar. Ich möchte euch diesen YouTube-Film und viel Zeit empfehlen, um einen vollstĂ€ndigen Überblick ĂŒber alle Nokia-GerĂ€te zu bekommen.

Alle Nokia-Mobiltelefone der Jahre 1982-2020 (Quelle: YouTube, blastertechnology)

Die Bezeichnungen/Nummerierungen der GerĂ€te bis 2010 konnte man grob in folgende Klassen aufteilen. AuffĂ€llig ist, daß die Ziffer 4 vermieden wurde, da 4 eine UnglĂŒckszahl im asiatischen Raum ist.

  • Ultrabasic Series: 1er Nummernkreise. Ganz einfache Modelle wie das sehr erfolgreiche 1100
  • Basic Expression Series: 2er Nummernkreise. Einfache Modelle, teils mit Kamera
  • Youth Expression Series: 3er Nummernkreise. Modelle der mittleren Preisklasse wie das stylische 3210
  • Active Series: 5er Nummernkreise. Outdoor Modelle oder Modelle mit Ausrichtung auf ein Spezialthema, wie z.B. Musik beim 5800 XpressMusic
  • Classic Business Series: 6er Nummernkreise. Business Modelle wie das 6310i. Das i steht fĂŒr die verbesserte Version
  • Fashion/Experimental Series: 7er Nummernkreise. Fashion Phones wie das oben genannte 7650
  • Premium/Design Series: 8er Nummernkreise. Exklusive Modelle wie das 8850
  • Communicator Series: 9er Nummernkreise. Aufklappbare Smartphones mit Tastatur wie das 9000.

Nokia brachte jedes Jahr Mobiltelefone in allen möglichen Formen, Farben und Materialien auf den Markt. Vor allem die Formen Brick, Slider und Klapphandy wurden von Nokias Designchef Frank Nuovo (bis 2006) und seinem Team immer wieder variiert. AuffĂ€llig ist, daß Touchscreen-Mobiltelefone von Nokia erst sehr spĂ€t im Jahr 2008 (z.B. N97) auf den Markt kamen (Link).

Quelle: connect.de (Link)

Im Jahr 2006 traf der neue Nokia CEO Olli-Pekka Kallasvuo die folgenschwere strategische Entscheidung, daß die Nokia-Kultur von Vertrauen, LoyalitĂ€t und Verpflichtung einer Kultur des Management nach Zahlen weichen sollte. Aus der Sicht des frĂŒheren CFOs Kallasvuo ist dies nachvollziehbar. Aber so wurde doch auch der Schwerpunkt der Produktentwicklung weiter auf den erfolgreichen Feature-Phone-Bereich gelegt und die innovativen Produktbereiche (wie der fĂŒr Smartphones) wurden diesem untergeordnet.

Die Smartphones von Nokia waren zu frĂŒh auf den Markt gekommen. Weder die Nutzer noch die Anbieter drahtloser Netzwerke waren bereit fĂŒr sie. Zwar wurden agile Weiterentwicklungen von Symbian in Richtung Maemo/MeeGo angestossen, aber dabei wurden viele Ressourcen gebunden und Geld verbrannt. Weitere VersĂ€umnisse sind in dieser Analyse How Nokia failed to nail the Smartphone market (Link) und dem Bericht The curse of agility: The Nokia Corporation and the loss of market dominance in mobile phones, 2003–2013 (Link) schön zusammengefasst .

Als Apple im Jahr 2007 das iPhone vorstellte, ahnte noch niemand bei Nokia, daß kapazitive Touchscreens die Zukunft sind, und daß Mobiltelefone gegen Smartphones nicht lĂ€nger bestehen können. Zwar konnte Nokia bis 2010 auch noch weiter den Markt als MarktfĂŒhrer bedienen, aber dann war es soweit und die Feature-Phones von Nokia & Co. waren obsolet geworden. Ab da begann der Siegeszug der Smartphones und Nokia hatte keine Antwort darauf. Woran lag das?

Nokias wirklich SchwÀche

Im Jahr 2008 machte sich ein Team daran, das in die Tage gekommene Betriebssystem Symbian OS zu erweitern, auf dem die meisten Nokia-Smartphones liefen. Gleichzeitig arbeiteten andere Entwickler an einem völlig neuen System namens Maemo und spÀter MeeGo.

Vor Symbian OS gab es fĂŒr die einfachen Mobiltelefone das Nokia OS und entsprechende OberflĂ€chen-AufsĂ€tze mit Namen wie Series-20, Series-30 (ab 2003 auf dem Nokia 1100) und Series-40 (ab 1999 auf dem Nokia 7110, bis 2013 in der 6th Edition auf dem Nokia 515) . Auf der Seite Nokiaport.de (Link) gibt es eine wunderbare Aufbereitung der einzelnen Features und Bilder der damaligen OberflĂ€chen.

Symbian OS hat eine lange Geschichte hinter sich. Sein Ursprung war im Jahr 1989 das mobile Betriebssystem EPOC der Firma Psion. Das Symbian-Konsortium, bestehend aus Psion, Nokia, Ericsson, Motorola und Sony, entwickelte ab 1998 das Symbian OS fĂŒr fortgeschrittene Mobiltelefone und PDAs. Es war damals schon ausgerichtet auf die ARM-Prozessorarchitektur. Es bestand dabei aus einem Mikrokernel-basierten Betriebssystem und der BenutzeroberflĂ€che. Diese BenutzeroberflĂ€chen hießen entweder Series-60 oder ab 2005 S60 (Nokia, Samsung, LG), UIQ (Sony Ericsson, Motorola) oder MOAP(S). Symbian OS hatte 2006 einen Marktanteil von 67% des globalen Smartphone-Marktes.

Symbian OS bot fortgeschrittene OS-Features wie prĂ€emptives Multitasking, Multithreading und Speicherschutz. Erst Symbian OS mit S60 v5 erlaubte ab 2008 eine Bedienung ĂŒber den Touchscreen.

Symbian OS S60 5th Edition User Interface (Quelle: Nokiaport.de)

Die Entwicklung fĂŒr diese Plattform galt als schwierig. UnabhĂ€ngige Entwickler wurden wegen der KomplexitĂ€t, der Kosten fĂŒr Entwicklungssoftware und der je nach GerĂ€tehersteller unterschiedlichen Hardwarespezifikationen abgeschreckt. Die am meisten genutzte Form von Java Mobile Edition Apps liefen nicht auf allen GerĂ€ten mit Symbian OS.

Es gab dann noch S80, das fĂŒr die Communicator-Reihe (ab Nokia 9210) genutzt wurde. Und S90, das fĂŒr die Nokia 77xx Baureihe mit Touchscreens genutzt wurde.

Bei dieser AufzĂ€hlung sieht man schon, wie unĂŒbersichtlich all diese Umgebungen, Betriebssysteme, OberflĂ€chen waren und wie kompliziert es damals fĂŒr Entwickler sein mußte, wenn sie Applikationen entwickeln wollten.

Im Jahr 2008 grĂŒndete Nokia mit einigen Partnern die Symbian Foundation, um Symbian OS, S60, UIQ und MOAP(S) zu einer Plattform zu vereinen, und als Open Source fĂŒr die Mitglieder der Symbian Foundation weiterzuentwickeln.

  • Die erste Version Symbian^1 ist die Grundlage der Plattform und basierte auf dem alten Symbian OS und S60 v5.
  • Symbian^2 wurde im Juni 2010 nur fĂŒr den japanischen Markt angekĂŒndigt.
  • Symbian^3 wurde im Februar 2010 angekĂŒndigt und wurde unter dem Namen „Anna“ vermarktet.
  • Und im August 2011 wurde dessen Nachfolger unter dem Namen „Symbian Belle“ vorgestellt.

All diese Maßnahmen seit 2008 haben auch nicht zu einer Vereinfachung der Systematik gefĂŒhrt. Folgerichtig stiegen im September 2010 Samsung und Sony Ericsson aus der Symbian Foundation aus. Ab April 2011 sollte Nokia allein fĂŒr die Verwaltung und Entwicklung der Plattform verantwortlich sein.

Aber zu diesem Zeitpunkt hatte der neue Nokia CEO Stephen Elop (ein ehemaliger Microsoft Manager) in einem internen Memo (Link) schon Position bezogen und die neue Richtung mit Windows Phone 7 aufgezeigt.

„The first iPhone shipped in 2007, and we still don’t have a product that is close to their experience. Android came on the scene just over 2 years ago, and this week they took our leadership position in smartphone volumes. Unbelievable.“

Steven Elop, Nokia CEO, „Burning Platform memo“, 8.2.2011

Und der Rest ist Geschichte

Kurz erzĂ€hlt ist dieser Gigant des Mobilkommunikations-Marktes innerhalb von wenigen Jahren in der Bedeutungslosigkeit versunken. Wer mit Nokia groß geworden ist, der konnte sich eine Welt ohne Nokia nicht vorstellen. Nokia war einer der wertvollsten Brands seiner Zeit.

Stephen Elop wurde zugetraut, daß er als Nokia-Outsider das System aufbrechen konnte, was Olli-Pekka Kallasvuo aufgebaut hatte, und dabei Nokia in eine Sackgasse fĂŒhrte ohne einen Ausweg aufzuzeigen. Maemo und MeeGo waren kurzzeitige Linux-Hoffnungen, die nicht schnell genug zum Erfolg fĂŒhrten.

Anfang 2011 erklĂ€rten Nokia und Microsoft eine Partnerschaft und die Absicht Windows Phone 7 auf Nokia Lumia-Smartphones zu installieren. Drei Jahre spĂ€ter kaufte Microsoft die Nokia Mobilfunksparte fĂŒr 5 Milliarden Euro. Mai 2016 gab Microsoft die Einstellung der Lumia-Produktion bekannt.

Ich selbst habe Windows Phone 8 und 8.1 auf meinem Business Phone, einem Nokia Lumia 920 gehabt. Ich war doch sehr angetan von der Metro-UI mit den Live Tiles, was ich auch in zwei Artikeln dokumentiert habe (Link) (Link). Im Jahr 2019 ist es Teil meines Computermuseums geworden (Link).

Heute gibt es wieder Nokia Smartphones. HMD Global, ein finnisches Unternehmen, was mit ehemaligen Nokia Mitarbeitern gegrĂŒndet wurde, entwickelt seit Ende 2016 Smartphones und Feature-Phones unter den Namen Nokia. Die Smartphones nutzen Android als Betriebssystem und die Feature-Phones die Plattform Series 30+. Also fast alles wieder wie frĂŒher.

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