Sinclair Computer und ihr Ökosystem

Sinclair Computer waren in den 80er Jahren höchst erfolgreich. Selbst Margaret Thatcher zeigte stolz den ZX Spectrum ihren japanischen Gästen als Nachweis der Innovationskraft der britischen Industrie.

Margaret Thatcher und der ZX Spectrum

Sir Clive Sinclair, der Vater der Sinclair Computer, wurde schließlich von der Queen für diese Verdienste an der britischen Industrie geadelt.

Sir Clive Sinclair (Bild: Pinterest)

Aus seiner Firma kamen so ikonische, aber auch günstige Computer wie ZX80, ZX81, ZX Spectrum und QL. Man kann sie auch billig nennen, da Sinclair vor allem immer der Preisbrecher unter den Computerherstellern war.

In Deutschland dominierte vor allem Commodore zuerst mit seinem VC20 (der „Volkscomputer“) und dem erfolgreichsten Home Computer aller Zeiten, dem C64. Aber diese waren für mich preislich unerreichbar und schließlich habe ich mich für den günstigsten Computer am Markt entschieden.

Es war der ZX81, der in der Computerabteilung im Kaufhaus Horten an der Berliner Allee in Düsseldorf stand. Mit vielen Jugendlichen in meinem Alter standen wir um diese Geräte und wollten in die Geheimnisse Der Computer eindringen. Mein Vater drückte auf der Folientastatur des ZX81 herum und es erschienen merkwürdige Worte und sonstige Zeichen am Bildschirm. Seine Frage „Wie funktioniert das denn?“ hat mein weiteres Schicksal besiegelt.

Sinclair ZX81

Ich wollte den ZX81 verstehen und die Folientastatur mit seinen Keywords und den mehrfach belegten Tasten war ein großes Geheimnis. Das mußte gelöst werden.

In der Folge habe ich englischsprachige Zeitungen wie „Your Computer“ am Kiosk im Hauptbahnhof gekauft, um mehr Informationen zu diesem englischen Computer zu finden. Und es gab so viele Listings, die man aus diesen Zeitungen eintippen konnte. Es zeigte sich, wie dynamisch die englische Computerszene war. Fast jeden Monat kamen neue Computerhersteller in den Jahren 1983-84 auf den Markt. Neben Sinclair gab es Acorn mit seinen BBC Microcomputern, Oric mit seinem Oric 1, Dragon mit dem Dragon 32, Newbury mit seinem Newbrain, Amstrad mit seinem CPC464 und viele weitere.

In Deutschland gab es eine kleine verschworene Sinclair Computer Gemeinde, die natürlich von der großen Commodore-Mehrheit geringschätzig betrachtet wurde. Ich habe meine Software zum ZX81 bei Vobis gekauft oder selbst von Listings aus Zeitschriften eingetippt, während die C64-Besitzer eine rege Software-Szene in Deutschland vorfanden.

Sinclairs Computer sind meiner Meinung nach alles Design-Computer. Alle haben mit ihrem schwarzen Gehäuse einen stylischen Look. Der ZX80 ist da eine Ausnahme mit seinem weißen Gehäuse und dem großen Logoaufkleber. Dieser Computer ist heute ein teuer gehandeltes Sammlerstück.

Sinclair ZX80 (Bild: Wikipedia)

Der ZX Spectrum wurde in 16KB und 48KB auf den Markt gebracht und dominierte über Jahre in England die Software-Szene. Seine „Dead Flesh“ Gummitastatur war einer der Hauptkritikpunkte und wurde dann durch den ZX Spectrum + mit einem „proper keyboard“ ersetzt. Auch diese Tastatur war ein Witz was die Qualität und das Schreibgefühl anging. Wie beim ZX81 waren die einzelnen Tasten mehrfach belegt und wurden mit unterschiedlichen Shift-Tasten bedient.

ZX Spectrum (Recreated) und ZX Spectrum +

Der letzte Sinclair-eigene ZX Spectrum war der ZX Spectrum 128k. Er wurde liebevoll „Toastrack“ genannt, wegen der Form seines Kühlkörpers an der Seite. Er war zu den alten Spectrums kompatibel, enthielt aber auch eine Weiterentwicklung des ZX Spectrum-Konzeptes, das die zusätzlichen Features wie Speicher, Sound-Ausgabe, bessere Grafik nutzen konnte.

ZX Spectrum 128k

Der Schritt in die Zukunft, weg von den 8 Bit Homecomputern, hin zu den neuen 16 Bit Computern, sollte der Sinclair QL werden. Clive Sinclair wollte weg vom Spielemarkt, hin zum Businessmarkt. Wieder auf Sinclair-Art wurde ein Design Computer entwickelt, der einen wenig leistungsfähigen Motorola 68008-Prozessor, zwei nicht zuverlässige Microdrives, ein präemptives Multitasking-OS (QDOS), 128 KB RAM und nicht standardisierte serielle Ports enthielt. Der Computer sollte ein Quantensprung sein, weswegen er Quantum Leap (QL) getauft wurde. Wie bei vielen Sinclair-Ankündigungen konnte erst sehr viel später an die Kunden ausgeliefert werden.

QL: Der „Quantensprung“

Das Ökosystem der Sinclair Computer beinhaltete viele Zubehörprodukte, die von Sinclair selbst gebaut wurden und interessante Lösungsansätze bot.

  • der ZX Printer: ein winziger Drucker, der auf Metallpapier druckte bzw. elektrisch Zeichen herausbrannte. Er wurde an den Erweiterungsport von ZX81 und ZX Spectrum angeschlossen. Die Drucke litten darunter, daß sie unter UV-Licht schnell verblassten
  • die RAM-Erweiterung um 16 KB für den ZX81: sie wurde an den Erweiterungsport des ZX81 angeschlossen. Damit war das System so empfindlich, daß etwas heftigeres Drücken der Folientastatur zum Absturz des Rechners geführt hat. Empfehlung war ein Klettband zwischen die Komponenten zu kleben, damit der Kontakt durch einfache Erschütterungen nicht unterbrochen werden konnte. Und ich kann es selbst noch nachvollziehen, wie häufig ich Daten durch dieses Problem verloren habe
  • das ZX Interface 1 für den ZX Spectrum: dem ZX Spectrum fehlte ein konkurrenzfähiges Massenspeichermedium. Alle anderen Computerhersteller boten neben der Kassette als Speichermedium schließlich auch die Floppy Disk an. Nur Sinclair versuchte wieder eine Sinclair-eigene Lösung mit dem bekannten günstigen Sinclair-Preis anzubieten. Es wurde das Microdrive, welches über das ZX Interface 1 angeschlossen werden konnte. Tatsächlich konnten mehrere Microdrives in Reihe geschaltet werden. Und ein Netzwerkanschluß war auch enthalten
  • das ZX Microdrive-Laufwerk: Sinclairs Interpretation der nächsten Generation von Massenspeichern. Im Grunde ist es ein Endlosband, welches mit großer Geschwindigkeit an einem Schreib-/Lese-Kopf vorbeilief. Das ganze System war durchaus elegant, aber hochgradig unzuverlässig und mit 85KB Speicherplatz pro Microdrive auch nicht wirklich ein Massenspeicher. Das ZX Microdrive kam aufgrund des Aufwandes der Eigenentwicklung zu spät auf den Markt. Die Microdrives gab es nur von Sinclair und so blieben die Preise im Vergleich zu Floppy Disks relativ hoch
  • das ZX Interface 2 für den ZX Spectrum: dort konnten von Sinclair freigegebene Softwaremodule eingesteckt werden. Diese Softwaremodule wurden damals kaum verkauft und werden heute zu Sammlerpreisen auf eBay gehandelt. Außerdem gab es zwei Joystickports, die leider keine Standard-Joysticks (Typ Kempston) akzeptierten, sondern einen speziellen Joysticktypen erforderten
  • die Interface-Adapter für den QL: Sinclair sparte Geld, indem die Anschlüsse für die beiden seriellen Ports und die beiden Joystickports minimal ausgeführt wurden. Man mußte Adapter bei Sinclair kaufen, wenn man Standardkabel verwenden wollte
ZX Printer für ZX81 und ZX Spectrum
ZX RAM Pack 16 KB
ZX Interface 1 für den Spectrum
ZX Microdrive für den ZX Spectrum
ZX Interface 2

Sinclair brachte auch eigene Software, oder unter Sinclair gelabelte Software auf den Markt. Ganz besonders in Erinnerung geblieben sind mir Spielkassetten wie Flight Simulator für den ZX81, Spielmodule wie Psssst für den ZX Spectrum und das Psion Office-Paket für den QL.

Psion Office Paket

Weiteres Zubehör und Software gab es für Sinclairs ZX81 und ZX Spectrum in Massen. Die Seiten in der Your Computer waren voll von Anzeigen von Zubehörherstellern und Softwareproduzenten. Es war damals eine wilde Zeit, da natürlich jeder Sinclair User eine bessere Tastatur, Ansteckmodule zum Mitschneiden von Spielständen, Joystickinterfaces und ähnliches benötigte. Die Sinclair Computer waren halt sehr minimalistisch. Aber maximal erweiterbar. Alles was an den Erweiterungsport angeschlossen wurde, konnte in Reihe hintereinandergesteckt werden.

Ich persönlich hatte für meinen ZX81

  • eine Aufsatztastatur auf die Folientastatur: sie war genauso groß wie die ursprüngliche Tastatur, aber sie hatte wirkliche Drucktasten. Unter den Drucktasten waren Stifte, die auf die Folientastatur gedrückt wurden. Auf eBay hatte ich das Glück eine solche Tastatur nach über 30 Jahren in Originalverpackung zu bekommen
  • eine Memotech Zusatztastatur mit Ansteckmodul für den Erweiterungsport. Ich hatte sie damals in Schwarz. Bei eBay konnte ich das viel seltenere hellblaue Modell bekommen.
  • eine Cheetah 32 KB Speichererweiterung. Wahnsinn, war das viel Speicher, nachdem man im ZX81 mit 1 KB auskommen musste. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen, was das für ein Gefühl war, daß man nicht mehr mit dem Speicher haushalten musste. Bei eBay konnte ich diese Speicherweiterung nicht mehr finden. Stattdessen habe ich von Memotech zwei 16 KB Speichererweiterungen. Memotech war mit seiner Aluminum-Materialwahl einfach nur edel.
ZX81 Aufsatztastatur
Memotech Tastatur für den ZX81
RAM Pack 16 KB von Memotech

Der Softwaremarkt für Sinclair Computer war riesig. Er wurde nur vom Commodore C64 übertroffen. Durch den ZX Spectrum sind so viele junge Menschen Softwareentwickler geworden. Was für eine großartige Zeit für junge Menschen.

Ich selbst habe auf dem Sinclair ZX81 das Spiel ZX Fall entwickelt, was fast den gesamten Speicher benötigte. Dieses Spiel war eine Kopie von Ataris Pitfall und ich war ganz besonders stolz auf meine mit Hilfe von Maschinencode animierten Liane, an der der Held über einen Fluss schwingen konnte. Das Timing war wichtig 😉

Mit dem Sinclair QL verbindet mich auch noch eine schöne Zeit. Ich habe den ZX Spectrum übersprungen, indem ich direkt auf den QL „gesprungen“ bin. Wirklich ein Quantensprung.

Auf diesem Sinclair QL konnte ich dann eines meiner wenigen selbstgeschriebenen Programme anwenden. Mein Vater benötigte eine Kontrolle der Quartalszahlen seiner Praxis. Er war der Meinung, daß die Abrechnung falsch war. Ich schrieb ein Datenbankprogramm und gab über mehrere Wochen mit meiner Mutter die Ziffern von allen Patientenkarteikarten ein. Wir konnten nachweisen, daß die Abrechnung leider richtig war.

Eine besondere Hardwareerweiterung war das Communication Pack von Tandata für den Sinclair QL. Mit Modem und weiteren Komponenten war man damals in England schon in der Lage digital zu kommunizieren.

Sinclair QL und Tandata Modem Stack

Besondere Unterstützung erhielt ich durch den Duisburger Sinclair QL Club (QLUB). Dort bekam ich zum ersten Mal das Pointer Environment von Tony Tebby zu sehen, konnte das QJUMP Mausinterface einsetzen, und hatte mit der Trump Card eine Speichererweiterung und ein Disketteninterface für den Anschluß eines 3,5“ Diskettenlaufwerks. Auf dieser Plattform kamen fast täglich neue faszinierende neue Tools heraus, die man alle unbedingt ausprobieren musste. Die Zeit mit den Kollegen vom QLUB war großartig. Was aber schnell offensichtlich wurde, war die Einschränkung durch den langsamen Motorola 68008-Prozessor. Clive Sinclair sparte ein paar Dollar im Einkauf für diesen Prozessor ein. Mit einem vollwertigen 68000er wäre die Platform leistungsfähiger gewesen.

Diese Leistung konnte ich dann bei den im QLUB vorhandenen Atari STs mit Hardware-Emulatoren feststellen. Nach kurzer Überlegung kaufte ich mir schließlich einen Atari Mega ST2, rüstete ihn auf 4 MB auf, baute den Sinclair QL Hardware-Emulator ein und betrieb den Atari fortan als Sinclair QL.

Der bessere Sinclair QL – mein Atari Mega ST

Es dauerte allerdings nicht lange und dann hatte ich verstanden, was ich für eine großartige neue Plattform mit dem Atari ST gefunden habe. In Verbindung mit einer externen Festplatte war dieser Rechner dann mein geliebtes Arbeitstier für die nächsten 10 Jahre. Aber das ist eine andere Geschichte.

1986 war es mit Clive Sinclair und seinen Computern vorbei. Er mußte seinen Namen und den Computervertrieb an Amstrad verkaufen. Diese stellten umgehend alle Computerbaureihen ein.

Stattdessen kamen die ZX Spectrum 128k +2 und +3 auf den Markt, die wie die CPC-Computer die Massenspeicher Cassette (+2) oder 3″-Diskette (+3) bereits im Gehäuse eingebaut hatten. Designmäßig sind diese Computer eine Enttäuschung, aber auf dem Markt waren diese dann noch viele Jahre erfolgreich.