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Pocket Computing – ein mobiler Traum wird wahr

Lesedauer: 10 MinutenPocket Computing ist entstanden aus den Visionen von Persönlichkeiten der 90er Jahre. Sie erinnern sich in diesem Video.

Computer in der Tasche zu haben, oder immer mit sich zu tragen, ist ein Traum vieler Menschen gewesen. Was war ich stolz, als ich in der Schule meine Casio C801 tragen durfte. Ein Taschenrechner in einer Armbanduhr – wie cool war das doch damals. Na ja, ich war schon immer ein Nerd, außer mir fand das wahrscheinlich keiner cool. Ein paar Jahrzehnte vorher trug ein Comic-Polizist namens Dick Tracy ein Funkgerät am Handgelenk. Und Captain Kirk ließ sich von Scotty von Planeten runterbeamen. Der von ihm verwendete Communicator war winzig und sowas wollte jeder Star Trek Fan damals haben. Das und den Tricorder von Spock. Inspiriert wurde ich zu diesem Beitrag über Pocket Computing als ich vom Computer History Museum ein YouTube-Video gesehen habe, das Computing in the Pocket mit einem großartigen Podium von Persönlichkeiten dieser Industrie diskutierte.

Die Generation, die ultramobiles Computing möglich machte (Quelle: Computer History Museum)

Visionäre von kompakten, tragbaren Computern

Die Teilnehmer dieser Podiumsdiskussion waren

  • Steve Capps, der bei Apple die Software für den Newton verantwortete,
  • Donna Dubinsky, die CEO von Palm, Inc. und Mitgründerin und CEO von Handspring war,
  • Jerry Kaplan, Gründer der GO Corp., die das PenPoint OS 1992 auf den Markt brachte, das ein erster Vorläufer eines Tablet-Betriebssystems war, und
  • Marc Porat, Mitgründer und CEO von General Magic.
Pocket Computing Pioniere - Steve Capps, Donna Dubinsky, Jeff Kaplan und Marc Porat
Pocket Computing Pioniere – Steve Capps, Donna Dubinsky, Jerry Kaplan und Marc Porat (Quelle: Computer History Museum)

Geschichten über Pocket Computing

Über drei dieser Projekte und die Persönlichkeiten habe ich bereits selbst in meinem Blog geschrieben. Eines der Projekte ist furchtbar gescheitert, eines ist von Steve Jobs nach wenigen Jahren am Markt beerdigt worden und eines war sehr erfolgreich über mehr als 10 Jahre. Die Beiträge waren:

  • General Magic und der Pocket Crystal: dies war eine der innovativsten Firmen im Silicon Valley, die keiner kannte. Marc Porat hat sein iPhone-ähnliches Gerät namens Pocket Crystal schon Anfang der 90er Jahre erdacht.
  • Apple hat ein kleines Team von Marketing-Experten, Software-Entwicklern und Hardware-Spezialisten versammelt und ein elektronisches Notizbuch mit Handschrifterkennung bauen lassen. Es sollte die Vision des Knowledge Navigators von Apples CEO John Sculley verwirklichen. Daraus wurde der Newton.
  • Palm ist die Firma von Jeff Hawkins, der Ergebnisse aus der Hirnforschung in Applikationen für einen Personal Digital Assistant hat einfließen lassen. Daraus ist der PalmPilot entstanden. Palm hatte eine sehr erfolgreiche Produkpalette, über die ich in einem weiteren Beitrag noch schreiben werde.

In diesem Video beschreiben diese Persönlichkeiten, wie sie unser aller Leben mit ihren Ideen, Visionen und Produkten verändert haben. Ende der 80er Jahre wurde es technisch möglich einen Computer immer kleiner zu machen. Und zwar noch kleiner als die ersten Laptops, die zu dieser Zeit auch auf den Markt kamen. Die ersten Touchscreens gab es, die man mit Stiften bedienen konnte. Flash-Speicher wurde verfügbar und bezahlbar. Der ARM Prozessor deutete schon an, dass man damit Geräte sehr energieeffizient betreiben konnte. Der Begriff Pocket Computing wurde geprägt.

Inspirationen und Lösungen

Sharp Wizard IQ7000 - Inspiration für Computing in the pocket
Sharp Wizard IQ7000 – Inspiration für Computing in the pocket (Quelle: arithmomuseum.com)

Marc Porat und Donna Dubinsky erwähnen den Sharp Wizard als Inspiration für Computing in the pocket. Die Nutzer dieser Geräte pflegten dort ihre Termine, Adressbuch, Telefonverzeichnis, Taschenrechner und Notizbuch. Damit war klar, dass ein solcher Bedarf bestand und die nun folgenden Pocket Computer lieferten dann diese grundlegenden Funktionalitäten.

Psion Series 3 (Quelle: snowmanradio, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2054577)
Psion Series 3 (Quelle: snowmanradio, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2054577)

Auch Psion und seine Series 3 Geräte aus den 90er Jahren waren eine große Inspiration.

Aber diese Innovationen aus Japan und England waren den in dieser Podiumsdiskussion vertretenen amerikanischen Visionären nicht genug. Sie wollten Bedienoberflächen für eine kompakte neue Gerätekategorie gestalten. Sie erschufen Software-Plattformen, auf der Applikationen die Funktionalität der Plattform erweitern können. Die Geräte sollten mit anderen Geräten kommunizieren, damit Daten synchronisiert werden können.

Apple versuchte die Handschrifterkennung als Erkennungsmerkmal des Apple Newton marktreif zu machen – und ist daran gescheitert.

Der Pocket Crystal von General Magic ist nie entstanden. Stattdessen gab es Produkte der Partner Sony und Motorola, die das Betriebssystem Magic Cab nutzten. Leider waren die Telescript-Server zu diesem Zeitpunkt bei den Telekommunikationspartnern noch nicht vorhanden. So war die versprochene Kommunikation zwischen den Geräten nicht möglich.

Nur Palm konzentrierte sich darauf die Handschrifteingabe mit einer speziellen Zeichenvorschrift namens Graffiti zu optimieren. Und sie brachten durchdachte Applikationen raus, die auch zehn Jahre später immer noch genauso zuverlässig funktionierten wie am ersten Tag.

Konkurrenzkampf?

All diese Entwicklungen begannen in den frühen 90er Jahren. Auf einmal boten viele Anbieter ihre Pocket Computing Produkte an. Apple hat mit seinen Ankündigungen zum Newton den Markt aufgerüttelt. Am 3. August 1993 wurde der Apple Newton erstmals verkauft. Von General Magic kam nie das sehnlichst erwartete Hardware-Produkt Pocket Crystal heraus. Stattdessen betraten im Jahr 1994 auf Basis von General Magics Betriebssystem-Lösung Magic Cap zwei Produkte seiner Partner den Markt: Motorola Envoy und Sony Magic Link PDAMagic Cap hatte allerdings keine Handschrifterkennung, wie die meisten PDA Betriebssysteme, die damals die Herzen der Nutzer eroberten. Handschriftliche Notizen galten damals als die technische Herausforderung, die jeder PDA-Hersteller anbieten musste.

Amstrad stellte zu dieser Zeit seinen Amstrad PenPad oder PDA600 vor. Dieses Gerät war 350$ günstiger als der Newton, aber natürlich auch viel weniger leistungsfähig. Dann ist da der Casio Zoomer (benannt nach Consumer) vom Palm Mastermind Jeff Hawkins. Dieses Produkt wurde im August 1993 unter dem Tandy-Label herausgebracht und vom Tandy-OEM Casio produziert. Dieses Gerät war mit 599$ knapp 100$ günstiger als der Newton

Erst 1996 stellte Palm den Palm Pilot vor. Wegen eines Markenstreits wurde er später in PalmPilot umgetauft. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Nutzer aber schon verstanden, was ein PDA ist und wie er bedient wird. Palm war für die nächsten Jahre der Marktführer in diesem Segment der Pocket Computer. Ich selbst habe den Palm Vx ab 1999 regelmäßig und gerne genutzt.

Andere kompakte Computer

Andere Produkte wie der Psion 3a und HP 100LX waren kleine Tastaturcomputer mit PDA-Funktionen, die aber nicht in die neue Klasse der Geräte mit Stiftbedienung und Handschriftenerkennung gehörten. Aber auch sie wollten ein Stück von diesem Kuchen abhaben und positionieren sich auf dem neuen Markt der PDAs, den Apple, General Magic und Palm geschaffen hatten. Ich habe Nachfolger dieser beiden Computer und sie gehören zweifelsfrei nicht in die Klasse der PDAs wie der Newton. Dies sind das Psion Netbook und der HP 200LX.

Ein ganz anderes Ding war der AT&T EO Communicator 440 und 880. Ausgestattet war er mit dem Hobbit-Prozessor von AT&T, der eigentlich auch im Newton verbaut werden sollte. Er sollte die perfekte Kommunikationslösung für Business-Kunden darstellen. Fax, Email und Telefonkommunikation sollten voll integriert sein.

Und dann gab es neben Apples Newton noch die Produkte der Apple-Partner mit Newton-Technologie. Diese waren das Sharp PI-7000 ExpertPad und das umgelabelte Siemens Notephone, der Teil einer Telefonie-Lösung von Siemens wurde.

Apples Einfluss

Drei der Podiums-Teilnehmer haben bei Apple gearbeitet. Steve Kapps wurde vom damaligen Apple CEO beauftragt dessen Vision des Knowledge Navigators zu verwirklichen.

Praktisch zeitgleich stellte Marc Porat dem Apple CEO seine Vision des Pocket Crystal vor, das er in seinem Red Book (ab 14:54 im verlinkten YouTube-Video) dokumentiert hat. Offensichtlich bevorzugte Sculley die Idee des Newton, welcher weiter bei Apple vorangetrieben wurde. Marc Porat wurde empfohlen eine eigene Firma zu gründen und seine Ideen außerhalb Apples weiterzuentwickeln. Aber nicht ohne große Beteiligung von Apple, die in Marc Porats Firma General Magic investierten. Insgesamt sechszehn Unternehmen gingen Partnerschaftsverträge mit General Magic ein. Außerdem wurden die Apple-Urgesteine Bill Atkinson und Andy Hertzfeld Mitgründer von General Magic.

Auch Donna Dubinsky arbeitete bei Apple zehn Jahre lang, bis sie mit Jeff Hawkins und Ed Colligan Anfang der 90er Jahre Palm Inc. gründete.

Gesten und Bedienkonzepte

Jerry Kaplan war Mitgründer der GO Corporation, die mit PenPoint OS die erste Vision eines Stift-basierten Computers entwickelte. Die für die Bedienung mit einem Stift notwendigen Änderungen an einer graphischen Oberfläche auf einem Bildschirm wurde konzipiert. Dazu gehörten auch Gesten, die man nutzte, um die Bedienung zu vereinfachen. Ein Konzept, was in unseren Smartphones mittlerweile exzessiv genutzt wird. Auch die Möglichkeit ein Gerät entweder hochkant oder quer nutzen zu können ist aus dieser Ideenschmiede gekommen.

Das PenPoint OS wurde im ersten IBM ThinkPad eingesetzt. Damit wurde die Tablet-Kategorie erfunden. Vielleicht hat sich deshalb Apple zwanzig Jahre später entschieden, sein Tablet iPad zu nennen.

Lehren aus dieser Zeit

Während der Podiumsdiskussion erwähnt Steve Capps, dass die Technologie in der damaligen Zeit noch nicht so weit war, um die Visionen in vernünftige Produkte giessen zu können. Es fehlten moderne digitale (Mobil-)Funkstandards, leistungsfähige Prozessoren und Batterien, kapazitive Touchscreens für die Fingerbedienung und vor allem das Internet zum Wissens- und Datenaustausch. Den Nutzern fehlte damals das Verständnis für diese neue Gerätekategorie. Was sollte man damit nur machen, außer seine Kontakte und Kalender zu pflegen? Dies wurde auch so von Marc Porat bestätigt. Nur Palm habe damals auf der bestehenden Technologie eine pragmatische Organiser-Lösung angeboten, die funktioniert hat. Das haben die Nutzer auch gekauft. Eine Millionen verkaufte PalmPilots in 18 Monaten sind der Beweis für den Erfolg dieses pragmatischen Ansatzes.

All diese oben genannten Technologien mussten erst geschaffen werden. Intelligente Agenten, wie sie von General Magic erdacht wurden, sind auch heute noch nicht so in dieser Form als persönliche Repräsentationen des Nutzers im Netz unterwegs. Vielleicht kommt dies erst heute mit AI und dem persönlichen Kontext durch unsere Daten auf unseren Smartphones und Cloud-Accounts.

So dauerte es noch über 15 Jahre bis es im Jahr 2007 mit dem ersten iPhone erstmals möglich war die Visionen dieser Generation Wirklichkeit werden zu lassen. Heute hat jeder einen Computer in seiner Hosentasche.

Pocket Computing in meinem Computermuseum

Bereits in den 80er Jahren und frühen 90er Jahren gab es mit dem Psion Organizer II, dem Atari Portfolio und dem HP 200LX kompakte Computer, die man in die Hosentasche stecken konnte. Aber erst 1993 explodierte das Angebot im Bereich Pocket Computing. Anfang der 2000er kamen Smartphones auf Windows Mobile- und auf Palm OS-Basis heraus. RIM mit seinen Blackberrys ist ein Beispiel für pragmatische Lösungen im Bereich von Smartphones. Ab 2006 kamen auch sehr kompakte, sogenannte UMPCs (ultramobile PCs) für die Hosentasche raus. Aber ein vollwertiges Desktop-Betriebssystem machte auf diesen kleinen Bildschirmen keinen Spaß.

Es ist auch das Verdienst dieser oben genannten Visionäre, dass sie sich Gedanken gemacht haben, wie man diese Geräte in Zukunft nutzen wird, wie die Benutzeroberflächen aussehen müssen und wie man sie besser bedienen kann.

Hier eine Auflistung aller Geräte meiner Sammlung im Computermuseum, die in die Klasse Pocket Computing gehören.

Pocket Computing in meiner Sammlung

No.GerätJahrWoher?
2Casio C8011981eBay
37Psion Organiser II1986eBay
43Atari Portfolio1989eBay
51HP 200LX1994eBay
56Newton MessagePad 1301996eBay
57Apple Newton Tastatur1996eBay
58Apple eMate 3001997eBay
62Palm Vx1999Geschenk
63Psion Netbook1999eBay
79HTC T-Mobile MDA III2004eBay
81T-Mobile MDA Compact2005Eigentum
87Palm Treo 7502006Geschenk
89Sony Vaio UX2006eBay
90HTC Vodafone VPA 52007Eigentum
93OQO 22007eBay
96Sony Vaio P11Z2009eBay
97Apple iPhone 3Gs2009Geschenk
98RIM BlackBerry Bold2009Geschenk
101Palm Pre22010Eigentum
102Apple iPhone 4s2011Geschenk
104HP Pre 32011eBay
105HP Veer2011Privatkauf
108Nokia Lumia 9202013Eigentum
109Apple iPhone 5c2013Geschenk
110Apple iPhone 62014Geschenk

Liste der Pocket Computing Geräte meines Computermuseums

Fazit

Es war spannend in den 90er Jahren dabei sein zu dürfen und die neue Pocket Computing Gerätekategorie erleben zu können. In den meisten Fällen waren die Leistungen dieser Geräte aber ernüchternd. Die Technik und die Nutzer waren in den meisten Fällen noch nicht bereit. Nur Palm hat einen vernünftigen Kompromiss von Hardware und Software gefunden, der den PalmPilot zu einem nachgefragten Produkt gemacht hat.

Zur selben Zeit begann die Hochzeit der Mobiltelefone oder Featurephones. Auch darüber habe ich bereits einen Beitrag geschrieben. Palm bzw. Handspring waren dann die Pioniere, die die Vereinigung von PDA und Mobiltelefon zum ersten Smartphone vorantrieben. Danach waren erst alle Technologien vorhanden, dass auch andere Marktteilnehmer wie Apple mit neuen Konzepten wie Multitouch und ihrer Kompetenz in Hardware- und Softwareentwicklung die Smartphones neu definierten.

Verantwortlich dafür waren Pioniere, die bei Apple, Palm, General Magic und GO gearbeitet haben. Sie sind die Begründer des Pocket Computing, wie wir es heute kennen. Sie haben die Industrie der letzten 30 Jahre sehr beeinflusst. Deshalb war es großartig, diese Persönlichkeiten bei der Podiumsdiskussion erlebt zu haben und ihre Erinnerungen an die Visionen bezüglich Computing in the Pocket zu hören. Ein großes Dankeschön an das Computer History Museum für diese spannende Veranstaltung.

Übrigens hatte ich im Jahr 2015 meinen persönlichen Dick Tracy Moment, als ich das erste Telefongespräch über meine Apple Watch führte. Da wußte ich, viele meiner Träume sind schon in Erfüllung gegangen. Aber seitdem ich Jarvis in den Marvel-Filmen gesehen habe, weiß ich wohin der Weg gehen soll. Und Jarvis ist auch viel näher an der Vision des Knowledge Navigators von John Sculley als alle unsere bisherigen Pocket Computing Geräte. Es braucht halt wirklich Zeit, Visionen in die Wirklichkeit umzusetzen. Irgendwann werden wir auch dahin kommen. Ob ich es noch erleben werde?

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